Was hält uns zurück, dem Bösen nachzugeben? – eine Frage, die jeder kennt. Und eine, auf die die Gesellschaft gerade keine überzeugende Antwort mehr hat.
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Die Frage, die niemand laut stellt
Was hält dich davon ab, gerade das Schlimmste zu tun? Nicht das Gesetz allein – das greift erst, wenn es zu spät ist. Nicht die Angst vor Strafe – die wirkt nur, wenn jemand zuschaut. Nicht die Vernunft – die kommt oft zu spät und verabschiedet sich zu früh.
Irgendetwas hält die meisten Menschen die meiste Zeit davon ab, das Schlimmste zu tun, dem Bösen nachzugeben. Aber was genau das ist – und ob es verlässlich ist – das ist eine Frage, auf die unsere Gesellschaft gerade keine klare Antwort mehr hat.
Der Philosoph Peter Sloterdijk hat diese Frage in seiner berühmten Elmauer Rede scharf gestellt: Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert? Was hält ihn zurück, wenn alle bisherigen Versuche der Erziehung und Selbstformung im Wesentlichen dazu geführt haben, dass er seine Macht über alles ausdehnt – aber nicht über sich selbst?
Was der Humanismus versprochen hatte
Das humanistische Projekt war ein großes Versprechen: Bildung formt den Menschen. Literatur, Philosophie, Kunst – wer sich damit beschäftigt, wird besser. Kultivierter, maßvoller, menschlicher. Die Schule als Zähmungsanstalt, die aus dem Rohling einen Bürger macht.
Das hat funktioniert – teilweise, manchmal, für bestimmte Menschen unter bestimmten Bedingungen. Aber als gesellschaftliches Projekt, als verlässliche Kraft der Formung, ist es brüchig geworden. Gebildete Menschen haben im 20. Jahrhundert das Schlimmste getan. Kultivierte Gesellschaften haben zugeschaut. Die Lektüre der Klassiker hat niemanden davon abgehalten, das Falsche zu wählen und zu tun.
Man muss zu dem Schluss kommen: Die Frage, wer den Menschen formt, lässt sich im Rahmen von Erziehungs- und Zähmungstheorien allein nicht mehr stellen. Es braucht etwas anderes.
Spinoza: Bildung allein ändert keine Affekte
Der Philosoph Baruch de Spinoza hätte dem humanistischen Projekt von Anfang an skeptisch gegenübergestanden. Nicht weil er Bildung ablehnte – sondern weil er wusste, dass Erkenntnis allein keine Affekte verändert.
Ein Affekt kann nur durch einen stärkeren Affekt überwunden werden. Wer wütend ist, wird nicht ruhiger, weil er weiß, dass Wut destruktiv ist. Wer Angst hat, wird nicht mutiger, weil er Texte über Courage gelesen hat. Das Wissen verändert das Erleben nicht direkt – es verändert es nur dann, wenn es selbst affektiv besetzt ist, wenn es bewegt, wenn es mehr ist als Information.
Das ist Spinozas Antwort auf unsere Frage: Was den Menschen zähmt, ist nicht das Wissen über das Gute. Es sind Affekte, die stärker sind als die Affekte, die ihn zum Schlimmsten treiben. Mitgefühl. Freude am Zusammenleben. Die Erfahrung, dass Kooperation mehr bringt als Zerstörung. Das lässt sich nicht durch Lektüre erzeugen – es muss erlebt werden. Auch die Idee, dass Menschen ihre Überzeugung ändern würden, wenn sie am eigenen Leib erfahren, dass genau diese Überzeugung sich zu ihrem eigenen Schaden auswirkt, ist deswegen nicht schüssig. Nein, es müssen neue, positive Erfahrungen gemacht werden und nicht nur eine einzige, vielleicht große, sondern viele hintereinander.
Lacan: Wer erzieht die Erzieher?
Wer oder was erzieht den Menschen – und wozu? Und noch schärfer formuliert: Wer erzieht die Erzieher?
Das ist genau die Frage an die „symbolische Ordnung“, die vom Psychoanalytiker Jacques Lacan gestellt wird. Der „Große Andere“ – die Gesellschaft, die Sprache, die Institutionen, die Normen – formt das Subjekt. Aber wer hat den Großen Anderen geformt? Wer hat entschieden, welche Werte er vermittelt, welche Verhaltensweisen er belohnt, welche er bestraft?
Lacan gibt eine unbequeme Antwort: Der Große Andere ist selbst inkonsistent. Er trägt Widersprüche in sich. Er sagt gleichzeitig: Sei erfolgreich – und: Sei bescheiden. Sei durchsetzungsstark – und: Sei rücksichtsvoll. Maximiere deinen Gewinn – und: Denk an die Gemeinschaft.
Das Subjekt, das in dieser widersprüchlichen Ordnung aufwächst, wird nicht geformt – es wird fragmentiert. Es lernt, die jeweils passende Maske zu tragen. Nicht weil es böse ist, sondern weil die Ordnung, die es formen sollte, selbst nicht weiß, was sie will.
Was uns tatsächlich zurückhält
Wenn weder Bildung allein noch Institutionen allein den Menschen formen – was hält ihn dann zurück von seiner Enthemmung?
Spinoza würde auf konkrete Erfahrungen zeigen: Was den Menschen zurückhält, sind gelebte Beziehungen. Die Erfahrung, dass das eigene Wohlergehen mit dem Wohlergehen anderer verknüpft ist. Das Erleben von Zugehörigkeit, Anerkennung, Verantwortung – nicht als abstrakte Werte, sondern als täglich spürbare Realität.
Lacan würde ergänzen: Was den Menschen zurückhält, ist die Bindung an eine symbolische Ordnung, der er vertraut. Nicht Angst vor Strafe – sondern das Bewusstsein, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst. Eine Ordnung, die man nicht hintergehen will, weil man sich mit ihr identifiziert.
Beides zusammen ergibt eine nüchterne Diagnose: Was den Menschen zähmt, ist weder Bildung noch Gesetz allein. Es ist das Gewebe aus Beziehungen und Bedeutungen, in das er eingebettet ist. Wenn dieses Gewebe dünner wird – durch Vereinzelung, durch Vertrauensverlust, durch die Brüchigkeit der symbolischen Ordnung –, wird auch die Zähmung unsicherer.
Was das im Alltag bedeutet
Das ist keine abstrakte Zeitdiagnose. Es wird real von den Menschen alltäglich erlebt.
Wer sich fragt, warum Menschen Dinge tun, die sie eigentlich besser wissen müssten, bekommt hier eine Antwort: Wissen schützt nicht. Was schützt, ist das Eingebettetsein in Beziehungen und Bedeutungen, die stark genug sind, um destruktive Impulse zu bremsen.
Und wer sich fragt, warum Erziehung und Bildung so oft weniger bewirken als erhofft, bekommt ebenfalls eine Antwort: Weil das, was wirklich formt, nicht im Klassenzimmer stattfindet. Es findet in frühen Beziehungen statt, in täglichen Erfahrungen, in dem, was eine Gesellschaft wirklich belohnt – unabhängig davon, was sie offiziell predigt.
Die offene Frage
Es gibt keine abschließende Antwort – Die Frage bleibt so scharf, dass man nicht mehr wegschauen kann.
Was hält uns zurück, dem Bösen nachzugeben? Was zähmt noch den Menschen? In einer Gesellschaft, die den Humanismus weitgehend als Bildungsprojekt aufgegeben hat. In der Vereinzelung zunimmt. In der symbolische Ordnungen brüchig werden. In der die Erzieher selbst nicht mehr wissen, wozu sie erziehen sollen.
Vielleicht ist die ehrliche Antwort: Im Moment weniger als früher. Und das ist kein Grund zur Resignation – aber ein sehr guter Grund, genauer hinzuschauen. Auf das, was Beziehungen stark macht. Auf das, was Bedeutung stiftet. Auf das, was den Menschen nicht durch Vorschrift formt, sondern durch positive Erfahrung.
Das ist keine philosophische Frage für den Elfenbeinturm. Das ist die Frage, die jeden Tag in Erziehung, Therapie, Politik und im eigenen Leben beantwortet wird – ob man will oder nicht.
Was hält uns zurück? Nicht das Wissen. Nicht die Regel. Sondern das, was wir täglich miteinander tun – und was wir dabei füreinander bedeuten.
Dieser Artikel nimmt eine Frage aus Peter Sloterdijks Elmauer Rede (1999) auf und verbindet sie mit Spinozas Affekttheorie und Lacans Begriff der symbolischen Ordnung. Er richtet sich an Menschen, die über die Grundlagen menschlichen Verhaltens nachdenken – jenseits einfacher Antworten.