Überzeugungen ändern

War­um Ent­täu­schung allein nicht reicht – und was wirk­lich hilft, wenn jemand ein extre­mes Welt­bild hin­ter sich las­sen will


Eine Frage, die viele beschäftigt

Wie kommt jemand dazu, eine rechts­ra­di­ka­le Par­tei zu wäh­len? Und noch wich­ti­ger: Wie hört er wie­der damit auf?

Die gän­gi­ge Ant­wort lau­tet: durch schlech­te Erfah­run­gen. Die Par­tei ent­täuscht. Die Ver­spre­chen wer­den nicht gehal­ten. Die Lösung, die so über­zeu­gend klang, löst das Pro­blem nicht. Der Wäh­ler wen­det sich ab.

Das klingt plau­si­bel. Aber es stimmt nicht – zumin­dest nicht so ein­fach. Und Baruch de Spi­no­za, der im 17. Jahr­hun­dert eine der prä­zi­ses­ten Theo­rien über mensch­li­che Über­zeu­gun­gen und Affek­te ent­wi­ckelt hat, kann erklä­ren, warum.


Was eine tiefe Überzeugung wirklich ist

Spi­no­za unter­schei­det nicht zwi­schen Über­zeu­gun­gen und Gefüh­len so scharf, wie wir es heu­te gewohnt sind. Für ihn ist eine tie­fe Über­zeu­gung immer auch ein Affekt – ein Zustand des Kör­pers und des Geis­tes, der mit vie­len ande­ren Zustän­den ver­knüpft ist. Eine poli­ti­sche Über­zeu­gung, die jemand wirk­lich trägt, ist nicht nur ein Gedan­ke. Sie ist ein­ge­bet­tet in ein gan­zes Netz: in Ängs­te, in das Bedürf­nis nach Zuge­hö­rig­keit, in Feind­bil­der, in ein Bild von sich selbst und von der Welt, in Erin­ne­run­gen an Krän­kun­gen und Ver­lus­te, in kon­kre­te Men­schen, mit denen man die­se Über­zeu­gung teilt.

Je tie­fer eine Über­zeu­gung ver­wur­zelt ist, des­to mehr Ver­bin­dun­gen hat sie. Und nach Spi­no­zas drei­zehn­tem Lehr­satz des fünf­ten Teils gilt: Eine Vor­stel­lung lebt umso öfter auf, je mehr sie mit ande­ren Vor­stel­lun­gen ver­bun­den ist. Das bedeu­tet: Eine gut ver­netz­te Über­zeu­gung taucht stän­dig auf. Sie wird durch Hun­der­te von Aus­lö­sern bestä­tigt. Sie ist über­all – im Gespräch, in den Nach­rich­ten, in der Gemein­schaft, im Kör­per­ge­fühl. Nicht weil sie wahr ist. Son­dern weil sie gut ver­netzt ist.


Warum Enttäuschung nicht reicht

Jetzt kommt die ent­schei­den­de Fra­ge: Was pas­siert, wenn jemand schlech­te Erfah­run­gen mit sei­ner Über­zeu­gung macht?

Spi­no­za gibt dar­auf eine kla­re Ant­wort – in Lehr­satz 14 des vier­ten Teils: Die wah­re Erkennt­nis des Guten und Bösen kann einen Affekt nicht ein­schrän­ken, solan­ge sie nicht selbst als Affekt wirkt. Über­setzt heißt das: Ein­sicht allein, auch schmerz­haft erkauf­te Ein­sicht, reicht nicht, um eine tief ver­an­ker­te Über­zeu­gung auf­zu­lö­sen. Der Affekt, der hin­ter der Über­zeu­gung steckt – die Angst, die Wut, das Bedürf­nis nach Iden­ti­tät und Schutz –, ist durch die Ent­täu­schung nicht ver­schwun­den. Er sucht eine neue Anbindung.

Genau das beob­ach­ten wir in der Rea­li­tät. Men­schen, die von einer rechts­ra­di­ka­len Par­tei ent­täuscht wer­den, wen­den sich oft nicht der Mit­te zu. Sie wen­den sich einer ande­ren, oft radi­ka­le­ren Alter­na­ti­ve zu. Oder sie keh­ren nach kur­zer Zeit zur sel­ben Par­tei zurück – weil das dahin­ter­lie­gen­de Netz aus Angst, Feind­bild und Iden­ti­tät unver­än­dert geblie­ben ist. Die Ent­täu­schung hat einen Kno­ten im Netz beschä­digt. Aber das Netz selbst ist intakt.

Hin­zu kommt ein wei­te­rer Mecha­nis­mus, den Spi­no­za in Lehr­satz 15 des vier­ten Teils beschreibt: Die Begier­de, die aus Erkennt­nis ent­steht, kann durch stär­ke­re Begier­den erstickt wer­den. Das bedeu­tet: Selbst wenn die Ein­sicht da ist – „die­se Par­tei hat mich ent­täuscht, ich soll­te mein Welt­bild über­den­ken“ –, wird sie von stär­ke­ren Impul­sen über­wäl­tigt. Der Sog der Grup­pe. Die Angst, ohne Zuge­hö­rig­keit dazu­ste­hen. Das Feind­bild, das immer noch da ist. Die Über­zeu­gung, die in tau­send all­täg­li­chen Momen­ten bestä­tigt wird.


Was Spinoza stattdessen sagt: der Aufbau eines neuen Netzes

Hier liegt die eigent­li­che Ant­wort – und sie ist unbe­quem, weil sie lang­sam ist und kei­ne schnel­len Lösun­gen verspricht.

Nach Spi­no­zas zwölf­tem Lehr­satz ver­bin­den sich Vor­stel­lun­gen leich­ter mit klar erkann­ten Din­gen als mit unkla­ren. Und nach dem drei­zehn­ten Lehr­satz lebt eine Vor­stel­lung umso öfter auf, je mehr sie mit ande­ren ver­knüpft ist. Das gilt nicht nur für das alte Netz – es gilt auch für das neue.

Was das bedeu­tet: Eine tie­fe Über­zeu­gung ändert sich nicht durch Wider­le­gung. Sie ändert sich, wenn ein alter­na­ti­ves Netz stark genug gewor­den ist, um das alte zu ver­drän­gen. Nicht durch Kon­fron­ta­ti­on – durch Wachstum.

Was muss die­ses neue Netz ent­hal­ten? Kon­kre­te Erfah­run­gen, die das Feind­bild wider­le­gen – nicht als abs­trak­te Infor­ma­ti­on, son­dern als per­sön­li­che Begeg­nung. Men­schen, die zur ver­ach­te­ten Grup­pe gehö­ren und zu denen eine ech­te Bezie­hung ent­steht. Erfah­run­gen von Zuge­hö­rig­keit in einer ande­ren Gemein­schaft, die nicht auf Feind­schaft basiert. Momen­te, in denen die eige­ne Wür­de gesi­chert ist, ohne dass dafür ein Feind gebraucht wird. Und das alles nicht ein­mal, nicht zwei­mal – son­dern oft, wie­der­holt, über die Zeit.

Jede ein­zel­ne die­ser Erfah­run­gen ist eine neue Ver­bin­dung. Und nach Lehr­satz drei­zehn gilt: Jede neue Ver­bin­dung sorgt dafür, dass die alter­na­ti­ve Vor­stel­lung öfter auf­taucht. Mit der Zeit taucht sie so oft auf, dass sie das alte Netz nicht mehr ver­drän­gen muss – sie ist ein­fach stär­ker präsent.


Was die Forschung dazu sagt

Das ist kei­ne rein phi­lo­so­phi­sche The­se. Die empi­ri­sche Aus­stiegs­for­schung – etwa die Erkennt­nis­se aus Pro­gram­men wie EXIT Deutsch­land – bestä­tigt genau das, was Spi­no­za beschreibt.

Was Men­schen aus rechts­extre­men Milieus her­aus­holt, sind fast nie Argu­men­te. Es sind neue Bezie­hun­gen. Eine Freun­din außer­halb der Sze­ne. Ein Arbeits­kol­le­ge, der das Feind­bild zum Gesicht macht – und dadurch auf­löst. Eine Gemein­schaft, die Halt gibt, ohne Hass zu brau­chen. Der Aus­stieg beginnt fast immer mit einer kon­kre­ten mensch­li­chen Ver­bin­dung, die das alte Welt­bild per­sön­lich, nicht abs­trakt, in Fra­ge stellt.

Das dau­ert. Manch­mal Jah­re. Und es braucht Men­schen, die bereit sind, die­se Ver­bin­dung ein­zu­ge­hen – auch wenn das unbe­quem ist, auch wenn es Geduld erfor­dert, auch wenn Rück­schlä­ge kommen.


Was das für die Gesellschaft bedeutet

Die Kon­se­quenz aus Spi­no­zas Theo­rie ist poli­tisch unbe­quem. Sie bedeu­tet, dass die übli­chen Mit­tel – Ver­bo­te, öffent­li­che Beschä­mung, Debun­king von Ver­schwö­rungs­theo­rien, Kon­fron­ta­ti­on mit Gegen­ar­gu­men­ten – an der fal­schen Stel­le anset­zen. Sie adres­sie­ren den Inhalt der Über­zeu­gung. Aber die Über­zeu­gung sitzt nicht im Inhalt. Sie sitzt im Netz – in den Ängs­ten, Bezie­hun­gen und Erfah­run­gen, die sie tragen.

Das bedeu­tet nicht, dass Gegen­re­de sinn­los ist. Aber sie allein reicht nicht. Was wirkt, ist das Auf­bau­en von Gegen­net­zen: Gemein­schaf­ten, Begeg­nun­gen, Erfah­run­gen, die das Sub­jekt anders ein­bet­ten – nicht als Feind unter Fein­den, son­dern als Mensch unter Menschen.

Spi­no­za hat­te dafür einen Begriff: die Gemein­schaft der Ver­nünf­ti­gen – Men­schen, die nicht durch gemein­sa­men Feind, son­dern durch gemein­sa­mes Ver­ste­hen ver­bun­den sind. Das ist kein nai­ves Ide­al. Es ist eine prä­zi­se Beschrei­bung des­sen, was Men­schen wirk­lich verändert.


Und was ist mit der eigenen Überzeugung?

Die Fra­ge, die die­ser Arti­kel auf­wirft, betrifft nicht nur extre­me poli­ti­sche Posi­tio­nen. Sie betrifft jede tie­fe Über­zeu­gung – über sich selbst, über ande­re, über die Welt.

Wer glaubt, er sei grund­sätz­lich unge­liebt, weil er früh genug Zurück­wei­sung erfah­ren hat, ändert die­se Über­zeu­gung nicht durch das Argu­ment, es stim­me nicht. Er ändert sie durch wie­der­hol­te Erfah­run­gen von Ange­nom­men­sein, die sich lang­sam in ein neu­es Netz ver­we­ben. Wer glaubt, die Welt sei grund­sätz­lich gefähr­lich, braucht kei­ne Wider­le­gung – er braucht Erfah­run­gen von Sicher­heit, die sich mit die­ser Vor­stel­lung ver­bin­den, bis die Vor­stel­lung selbst sich verändert.

Das ist lang­sam. Und es ist das Ein­zi­ge, was wirk­lich wirkt.


Über­zeu­gun­gen ändern sich nicht durch Ent­täu­schung. Sie ändern sich, wenn ein neu­es Netz stark genug ist. Das braucht Zeit, Bezie­hun­gen und wie­der­hol­te Erfah­run­gen – nicht Argu­men­te. Das ist Spi­no­zas Ant­wort auf eine der schwie­rigs­ten Fra­gen unse­rer Zeit.


Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta. Bezug genom­men wird auf: Teil IV, Lehr­satz 14 (Erkennt­nis reicht nicht), Lehr­satz 15 (stär­ke­re Begier­den über­wäl­ti­gen Ein­sicht); Teil V, Lehr­satz 12 (kla­re Erkennt­nis­se ver­bin­den sich leich­ter), Lehr­satz 13 (je mehr Ver­bin­dun­gen, des­to öfter taucht eine Vor­stel­lung auf). Empi­ri­scher Bezug: Aus­stiegs­for­schung, u.a. EXIT Deutschland.

Schreibe einen Kommentar

TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste
Mentara ×
Mentara – ich bin da, wenn dich etwas beschäftigt.