Selbstverlust – die Gefahr, sich selbst zu verlieren

Selbst­ver­lust pas­siert nicht durch einen gro­ßen Ein­schnitt. Kei­ne Kri­se, kein Zusam­men­bruch, kein Moment der Ent­schei­dung. Es pas­siert durch hun­dert klei­ne Anpas­sun­gen, von denen jede ein­zel­ne ver­nünf­tig wirkt. Irgend­wann merkt man, dass man sich in Momen­ten der Stil­le fremd gewor­den ist. Dass die Fra­ge „Was willst du eigent­lich?“ kei­ne kla­re Ant­wort mehr hat. Das ist Selbst­ver­lust – und er kommt fast immer leise.

Das Zitat von Kier­ke­gaard,

„Die größ­te aller Gefah­ren, jene, sich selbst zu ver­lie­ren, kann in der Welt ganz geräusch­los ein­tre­ten, so als wäre es gar nichts“,

ist ein auf­rüt­teln­der Hin­weis auf eine exis­ten­zi­el­le Bedro­hung, die all­zu oft über­se­hen wird. Es ist eine War­nung, die uns dar­an erin­nert, dass wir uns selbst nicht als selbst­ver­ständ­lich betrach­ten soll­ten. Wir müs­sen uns bewusst sein, wer wir sind und wer wir wer­den wol­len, um uns vor der Gefahr zu schüt­zen, uns selbst zu verlieren.

Geräuschlos – das ist das Entscheidende

Sich selbst zu ver­lie­ren ist kein dra­ma­ti­sches Ereig­nis. Es gibt kei­nen Moment, in dem man auf­wacht und denkt: Jetzt bin ich nicht mehr ich. Es pas­siert anders. Lang­sam. In klei­nen Schrit­ten, die jeder für sich betrach­tet völ­lig ver­nünf­tig aussehen.

Du sagst ein­mal Ja, obwohl du Nein mein­test – weil die Situa­ti­on es ver­lang­te. Du unter­drückst einen Gedan­ken, weil er nicht passt. Du zeigst dich so, wie du gezeigt wer­den soll­test, nicht so, wie du bist. Und dann noch ein­mal. Und wie­der. Irgend­wann ist die Ver­si­on von dir, die du zeigst, so weit von dem ent­fernt, was du wirk­lich fühlst und denkst, dass du den Abstand selbst kaum noch bemerkt hast.

Kier­ke­gaard nennt das die größ­te aller Gefah­ren – nicht den Tod, nicht das Schei­tern, nicht den Ver­lust äuße­rer Güter. Den Ver­lust des Selbst. Und er hat recht: Die meis­ten ande­ren Gefah­ren merkt man. Die­se nicht.

„Jedes Ding trach­tet, soviel an ihm liegt, in sei­nem Sein zu beharren.“

Baruch de Spi­no­za, Ethik III, Satz 6

Was dabei innerlich passiert

Das Selbst ist kein fes­ter Kern, den man ein­fach ver­lie­ren kann wie einen Schlüs­sel. Es ist ein Pro­zess – ein stän­di­ges Sich-Ver­hal­ten zur Welt, ein Netz aus Wahr­neh­mun­gen, Bedürf­nis­sen, Reak­tio­nen. Das haben wir im Arti­kel über das Selbst beschrie­ben. Genau des­halb ist sein Ver­lust so schwer zu bemer­ken: Es gibt kei­nen Moment, in dem es plötz­lich fehlt. Es verblasst.

Was sich ver­än­dert, ist die Ver­bin­dung zu den eige­nen Signa­len. Hun­ger – nicht nur nach Essen, son­dern nach allem: nach Kon­takt, nach Bedeu­tung, nach Aus­druck. Wer sich selbst ver­liert, ver­liert zuerst den Zugang zu die­sen Signa­len. Er hört sie nicht mehr. Oder hört sie, aber glaubt ihnen nicht mehr.

Was übrig bleibt, ist eine Anpas­sungs­leis­tung ohne Ende. Man funk­tio­niert. Man erfüllt Erwar­tun­gen. Man ist, was man sein soll. Und merkt irgend­wann, dass das, was man sein soll, und das, was man ist, sich so weit von­ein­an­der ent­fernt haben, dass man sich in Momen­ten der Stil­le fremd wird.

Drei Wege, auf denen es passiert

Durch ande­re. Man­che Men­schen ver­lie­ren sich in Bezie­hun­gen – nicht weil sie schwach sind, son­dern weil das Bedürf­nis nach Zuge­hö­rig­keit so stark ist, dass sie sich dafür ver­for­men. Was der ande­re braucht, wird wich­ti­ger als das, was man selbst braucht. Was den ande­ren stört, wird unter­drückt. Lang­sam ver­schiebt sich das Gleich­ge­wicht, bis man kaum noch weiß, was man über­haupt woll­te, bevor die­se Bezie­hung begann.

Durch Rol­len. Arbeit, Eltern­schaft, gesell­schaft­li­che Erwar­tun­gen – Rol­len kön­nen hilf­reich sein, weil sie Struk­tur geben. Sie wer­den gefähr­lich, wenn sie das Selbst erset­zen statt es aus­zu­drü­cken. Wenn man nicht mehr Mensch ist, der einen Beruf aus­übt, son­dern nur noch Beruf. Wenn das Pri­va­te kom­plett ver­stummt, weil die Rol­le kei­nen Platz dafür lässt.

Durch Ver­mei­dung. Manch­mal ver­liert man sich nicht an etwas oder jeman­den, son­dern an die Angst vor sich selbst. Vor den eige­nen Gedan­ken, den eige­nen Gefüh­len, dem, was man fin­den könn­te, wenn man wirk­lich hin­schaut. Ablen­kung als Lebens­form. Die Stil­le mei­den, weil in der Stil­le etwas war­tet, das man lie­ber nicht hört.

Ein Leser hat ein­mal auf die­sen Arti­kel kom­men­tiert: „Um sich selbst zu ver­lie­ren, müss­te man sich doch erst ein­mal gefun­den haben.“ Das trifft etwas Wich­ti­ges. Man­che Men­schen haben nie eine sta­bi­le Ver­bin­dung zu sich selbst auf­ge­baut – nicht weil sie es nicht woll­ten, son­dern weil die frü­hen Umge­bun­gen es nicht erlaub­ten. Für sie ist der Selbst­ver­lust kein Rück­schritt, son­dern eine Aus­gangs­si­tua­ti­on. Das macht es nicht hoff­nungs­lo­ser – aber es erklärt, war­um der Weg län­ger ist.

Das Spinozanische Gegengewicht

Spi­no­za beschreibt mit dem Begriff des Cona­tus das Grund­stre­ben jedes Wesens, in sei­ner eige­nen Natur zu behar­ren und sich zu ent­fal­ten. Die­ses Stre­ben ist nicht optio­nal – es ist das, was ein Wesen über­haupt zu dem macht, was es ist. Es auf­zu­ge­ben bedeu­tet, sich gegen die eige­ne Natur zu wenden.

Das klingt abs­trakt. Kon­kret bedeu­tet es: Jede Unter­drü­ckung eines ech­ten Bedürf­nis­ses, jede dau­er­haf­te Anpas­sung an frem­de Erwar­tun­gen auf Kos­ten der eige­nen, jedes Ver­stum­men der eige­nen Stim­me – das alles kos­tet etwas. Es ist nicht neu­tral. Es schwächt das, was Spi­no­za die Hand­lungs­macht nennt: die Fähig­keit, aus sich her­aus zu wir­ken statt von außen bewegt zu wer­den. Heu­te in der moder­nen Psy­cho­lo­gie nennt man das Selbstwirksamkeit.

Wer sich selbst ver­liert, han­delt nicht mehr – er „wird“ gehan­delt. Er reagiert auf das, was ande­re brau­chen, was erwar­tet wird, was die Situa­ti­on ver­langt. Das fühlt sich manch­mal wie Stär­ke an – als wäre man beson­ders anpas­sungs­fä­hig, beson­ders rück­sichts­voll, beson­ders funk­ti­ons­fä­hig. Aber es ist das Gegen­teil von dem, was Spi­no­za Frei­heit nennt.

„Solan­ge wir von Lei­den­schaf­ten getrie­ben wer­den, han­deln wir gegen unse­re eige­ne Natur.“

Baruch de Spi­no­za, Ethik IV

Wie man bemerkt, dass es passiert

Es gibt Signa­le. Sie sind lei­se – aber sie sind da. Ein dif­fu­ses Gefühl von Lee­re, das sich nicht benen­nen lässt. Erschöp­fung, die nicht von Arbeit kommt. Das Gefühl, in Momen­ten der Stil­le einen Frem­den zu tref­fen. Ant­wor­ten auf die Fra­ge „Was willst du eigent­lich?“ die nicht kom­men – nicht weil man nichts will, son­dern weil man den Zugang zum Wol­len ver­lo­ren hat.

Manch­mal zeigt es sich als chro­ni­sche Unzu­frie­den­heit ohne kon­kre­ten Grund. Manch­mal als das Gefühl, in einem Leben zu leben, das einem nicht gehört. Manch­mal als die selt­sa­me Erleich­te­rung, wenn eine Ver­pflich­tung weg­fällt – nicht weil man faul ist, son­dern weil man end­lich einen Moment atmen kann, der sich echt anfühlt.

Was der erste Schritt zurück ist

Nicht die gro­ße Ver­än­de­rung. Nicht das neue Leben. Son­dern ein klei­ner, kon­kre­ter Akt der Selbst­zu­ge­hö­rig­keit. Etwas sagen, das man wirk­lich denkt. Etwas ableh­nen, das man wirk­lich ablehnt. Einen Moment lang nicht per­for­men, son­dern sein.

Das klingt mini­mal. Es ist es nicht. Denn nach lan­ger Anpas­sung ist das ech­te Selbst nicht ver­schwun­den – es hat sich nur zurück­ge­zo­gen, weil der Raum fehl­te. Wenn man ihm Raum gibt, kommt es zurück. Zuerst zöger­lich. Dann immer klarer.

Spi­no­za wür­de sagen: Erken­ne, was in dir vor­geht. Nicht um es zu kon­trol­lie­ren, son­dern um es nicht län­ger zu igno­rie­ren. Denn was wir nicht sehen, steu­ert uns. Und was wir sehen, kön­nen wir – zumin­dest ein Stück weit – selbst gestalten.

Lesen Sie hier mehr zum The­ma „Bezie­hungs­mo­del­le in der Partnerschaft“

1 Gedanke zu „Selbstverlust – die Gefahr, sich selbst zu verlieren“

  1. Um sich selbst zu ver­lie­ren, müss­te man sich doch wohl erst ein­mal gefun­den haben, bzw. wis­sen, wer man ist.
    D. h. : es geht um den lebens­lan­gen aben­teu­er­li­chen Pro­zess, sich zu fin­den. Dafür braucht man das Selbst­ver­trau­en und den Wage­mut, sich auf Risi­ken und Kon­flik­te einzulassen.
    Die­ses Selbst­ver­trau­en bekommt man in der Kind­heit ver­mit­telt – von wem auch immer – am bes­ten von den Eltern. Oder auch nicht. Im letz­te­ren Fall schleppt man die­ses Defi­zit sein Leben lang mit sich her­um in der Hoff­nung und dem Bemü­hen, die inne­re angst­be­setz­te Lee­re wenigs­tens teil­wei­se auf­zu­fül­len – m.a.W.: sich Sub­stanz anzu­eig­nen für ein erkenn­ba­res, spür­ba­res Ich.

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