Das Unbewusste – Lacan

Eine Ein­füh­rung in das Den­ken eines unbe­que­men Analytikers


Ein Mann, den niemand versteht – und alle zitieren

Jac­ques Lacan ist der meist­zi­tier­te und am wenigs­ten ver­stan­de­ne Den­ker der Psy­cho­ana­ly­se nach Freud. Phi­lo­so­phen zitie­ren ihn. Film­theo­re­ti­ker zitie­ren ihn. Femi­nis­tin­nen zitie­ren ihn. Kul­tur­kri­ti­ker zitie­ren ihn. Und fast alle, die ihn zitie­ren, strei­ten dar­über, was er eigent­lich gemeint hat.

Das ist kein Zufall. Lacan hat das so gewollt. Er hielt schwie­ri­ge Tex­te für ehr­li­cher als ein­fa­che – weil die Wirk­lich­keit des mensch­li­chen Innen­le­bens nun ein­mal nicht ein­fach ist. Wer sie ver­ein­facht, lügt, zumin­dest ein bisschen.

Die­ser Blog macht trotz­dem den Ver­such. Nicht weil Lacan ein­fach wäre. Son­dern weil sei­ne Fra­gen so prä­zi­se sind, dass sie sich loh­nen – auch für Men­schen, die nie von ihm gehört haben. Viel­leicht gera­de für sie.


Wer war Lacan?

Jac­ques Lacan (1901–1981) war fran­zö­si­scher Psych­ia­ter und Psy­cho­ana­ly­ti­ker. Er begann als Arzt, wur­de Freu­dia­ner, und ent­wi­ckel­te über Jahr­zehn­te eine eige­ne, radi­kal neue Les­art der Psy­cho­ana­ly­se. Sein Werk­zeug war nicht die Bio­lo­gie – son­dern die Spra­che. Sein Aus­gangs­punkt war Freud. Sein Ziel war, Freud so zu lesen, dass man ver­steht, was Freud wirk­lich gesagt hat – und was er selbst noch nicht sehen konnte.

Lacan hielt ab 1953 sein berühm­tes Sémi­n­aire in Paris – ein wöchent­li­ches Semi­nar, das über 27 Jah­re lief und Gene­ra­tio­nen von Intel­lek­tu­el­len präg­te. Er war streit­bar, pro­vo­ka­tiv, oft unver­ständ­lich. Er wur­de aus der inter­na­tio­na­len psy­cho­ana­ly­ti­schen Ver­ei­ni­gung aus­ge­schlos­sen, weil er die Län­ge der Ana­ly­se­sit­zun­gen eigen­mäch­tig vari­ier­te. Er grün­de­te sei­ne eige­ne Schu­le, lös­te sie spä­ter selbst auf. Er war alles ande­re als bequem.

Und er hat etwas gesagt, das bis heu­te stimmt – wenn man es versteht.


Die eine Frage, die Lacan stellt

Lacans Kern­fra­ge lau­tet nicht: Wie wer­de ich glück­lich? Sie lau­tet: War­um bin ich nicht der, der ich zu sein glaube?

Das klingt abs­trakt. Aber jeder kennt die Erfah­rung. Du nimmst dir vor, ruhig zu blei­ben – und explo­dierts trotz­dem. Du weißt, dass eine Bezie­hung nicht gut für dich ist – und bleibst trotz­dem. Du hast alles erreicht, was du woll­test – und fühlst dich trotz­dem leer. Du sagst etwas und meinst dabei etwas ande­res, ohne es zu merken.

Lacan nennt das den Spalt zwi­schen dem Ich, das spricht, und dem Sub­jekt, das dabei wirk­lich am Werk ist. Zwi­schen dem, was wir bewusst den­ken, und dem, was uns wirk­lich antreibt. Die­ser Spalt ist nicht zufäl­lig. Er ist struk­tu­rell. Er gehört dazu, Mensch zu sein.


Das Unbewusste – aber anders als du denkst

Freud hat das Unbe­wuss­te ent­deckt – oder bes­ser: ihm einen Namen gege­ben. Lacan hat es neu beschrie­ben. Und zwar mit einem Satz, der so ein­fach klingt, dass man ihn leicht überhört:

„Das Unbe­wuss­te ist struk­tu­riert wie eine Sprache.“

Das bedeu­tet nicht, dass das Unbe­wuss­te in Wör­tern denkt. Es bedeu­tet, dass es nach den­sel­ben Geset­zen funk­tio­niert wie Spra­che – nach Ver­schie­bung und Ver­dich­tung, nach Meta­pher und Met­ony­mie, nach dem Erset­zen und Ver­schie­ben von Bedeu­tung. Das Unbe­wuss­te spricht – aber nicht direkt. Es spricht durch Ver­spre­cher, durch Träu­me, durch Sym­pto­me, durch das, was wir gera­de nicht sagen woll­ten und trotz­dem gesagt haben.

Das hat eine wich­ti­ge Kon­se­quenz: Das Unbe­wuss­te ist nicht ein dunk­ler Kel­ler vol­ler ver­dräng­ter Erin­ne­run­gen, der irgend­wann auf­ge­räumt wer­den muss. Es ist ein Pro­zess. Es arbei­tet stän­dig. Es ist nie fer­tig. Und es lässt sich nicht ein­fach bewusst machen – weil es in dem Moment, wo man es ansieht, schon wie­der woan­ders ist.


Drei Register – eine Landkarte des Innenlebens

Lacans wich­tigs­tes Werk­zeug ist die Unter­schei­dung zwi­schen drei Regis­tern, drei Ebe­nen der mensch­li­chen Wirk­lich­keit. Er nennt sie das Rea­le, das Sym­bo­li­sche und das Imaginäre.

Das Ima­gi­nä­re ist die Welt der Bil­der und Spie­ge­lun­gen. Wie ich mich sehe. Wie ich glau­be, dass ande­re mich sehen. Das Bild, das ich von mir habe – und das meis­tens nicht stimmt. Das Ima­gi­nä­re ist die Ebe­ne der Iden­ti­fi­ka­ti­on: Ich bin der, der so aus­sieht, so reagiert, so wahr­ge­nom­men wird. Es ist eine not­wen­di­ge Ebe­ne – aber auch eine trügerische.

Das Sym­bo­li­sche ist die Welt der Spra­che, der Geset­ze, der sozia­len Ord­nung. Alles, was durch Unter­schei­dun­gen funk­tio­niert: Ja und Nein. Erlaubt und ver­bo­ten. Du und ich. Das Sym­bo­li­sche struk­tu­riert unser Erle­ben, bevor wir es bewusst ver­ar­bei­ten. Wir sind in Spra­che gebo­ren – und Spra­che formt, was wir über­haupt wahr­neh­men können.

Das Rea­le ist das, was sich bei­den ent­zieht. Was weder abge­bil­det noch benannt wer­den kann. Was immer außer­halb bleibt – und gera­de des­halb wirkt. Das Rea­le ist nicht die äuße­re Wirk­lich­keit. Es ist das, was an der Wirk­lich­keit nicht auf­geht: der Rest, der übrig bleibt, wenn alles erklärt ist. Das Trau­ma ist real. Der Tod ist real. Das ist nicht der Sinn von real im All­tag – es ist schär­fer und unbequemer.


Was hat das mit mir zu tun?

Viel­leicht das Wich­tigs­te zuerst: Lacan ist kein Rat­ge­ber. Er gibt kei­ne Tipps. Er beschreibt kei­ne Tech­ni­ken. Wer ein Pro­gramm zur Selbst­ver­bes­se­rung sucht, ist bei ihm falsch.

Was Lacan anbie­tet, ist etwas ande­res: ein schär­fe­res Bild davon, wie das mensch­li­che Innen­le­ben wirk­lich funk­tio­niert. Nicht wie wir es ger­ne hät­ten. Nicht wie wir es in Selbst­hil­fe­bü­chern beschrie­ben fin­den. Son­dern wie es ist – mit all sei­nen Wider­sprü­chen, Wie­der­ho­lun­gen und blin­den Flecken.

Und das ist, para­do­xer­wei­se, sehr prak­tisch. Wer ver­steht, war­um Mus­ter sich wie­der­ho­len, kann anders mit ihnen umge­hen. Wer ver­steht, dass das Ich kei­ne geschlos­se­ne Ein­heit ist, hört auf, sich dafür zu bestra­fen, dass es sich nicht wie eine anfühlt. Wer ver­steht, wie Spra­che das Erle­ben formt, merkt, wo Wor­te täu­schen – auch die eigenen.


Lacan und Spinoza – zwei Denker, eine Frage

Die­ser Blog beschäf­tigt sich auch mit Baruch de Spi­no­za – einem Phi­lo­so­phen, der 300 Jah­re vor Lacan leb­te und trotz­dem erstaun­lich vie­le Ant­wor­ten auf ähn­li­che Fra­gen hat. Bei­de fra­gen: Was bewegt den Men­schen wirk­lich? Bei­de leh­nen die Idee eines sou­ve­rä­nen, frei­en Wil­lens ab. Bei­de den­ken, dass Erkennt­nis – ech­tes Ver­ste­hen, nicht blo­ßes Wis­sen – etwas im Men­schen verändert.

Aber sie unter­schei­den sich dort, wo es inter­es­sant wird. Spi­no­za glaubt, dass der Mensch durch Erkennt­nis frei­er wer­den kann – dass das Ver­ste­hen der Ursa­chen die Affek­te mil­dert und den Geist stärkt. Lacan ist skep­ti­scher. Für ihn bleibt ein Rest, der sich der Erkennt­nis ent­zieht. Das Unbe­wuss­te arbei­tet wei­ter, auch wenn man es kennt. Die Lücke schließt sich nie ganz.

Das macht die bei­den zusam­men inter­es­san­ter als jeden für sich. Spi­no­za zeigt, was Erkennt­nis leis­ten kann. Lacan zeigt, wo sie an ihre Gren­zen stößt. Zusam­men ent­steht ein rea­lis­ti­sche­res Bild des Men­schen – weder naiv opti­mis­tisch noch hoffnungslos.


Die fol­gen­den Bei­trä­ge in die­ser Kate­go­rie gehen jeweils einem Kon­zept Lacans nach – so kon­kret und all­tags­nah wie mög­lich. Kein Vor­wis­sen nötig. Nur die Bereit­schaft, sich auf Fra­gen ein­zu­las­sen, die kei­ne ein­fa­chen Ant­wor­ten haben.


Jac­ques Lacan (1901–1981), fran­zö­si­scher Psych­ia­ter und Psy­cho­ana­ly­ti­ker. Sein wöchent­li­ches Semi­nar in Paris (1953–1980) gilt als eines der ein­fluss­reichs­ten intel­lek­tu­el­len Ereig­nis­se des 20. Jahr­hun­derts. Haupt­wer­ke: Écrits (1966), Die Semi­na­re (27 Bän­de, post­hum ediert).

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