„Ich gehöre nicht mehr dazu“

Wenn wir uns aus­ge­schlos­sen füh­len – Was hin­ter dem Satz steckt, den kei­ner laut sagt

Es war ein ganz nor­ma­ler Nach­mit­tag. Ich über­que­re einen Fuß­gän­ger­über­weg – grü­ne Ampel, Vor­rang, alles klar. Ein Auto fährt durch, knapp hin­ter mir. Ich dre­he mich um. Direkt neben mir steht ein Mann, Mit­te fünf­zig viel­leicht, der das Gan­ze gese­hen hat.

Er schüt­telt den Kopf und sagt: „Das ist eine Scheiß Gesell­schaft, in der wir leben. Die kön­nen nur noch auf ihre Han­dys gucken und sich die Lip­pen auf­sprit­zen lassen.“

Dann geht er weiter.

Ich blieb kurz ste­hen. Nicht wegen des Autos. Son­dern wegen des Sat­zes. Denn da steck­te mehr drin als Ärger über einen rück­sichts­lo­sen Fah­rer. Da steck­te etwas ande­res drin. Etwas, das sich als Gesell­schafts­kri­tik ver­klei­det hat­te – aber in Wirk­lich­keit Schmerz war.

Die Wut, die keinen Namen hat

„Han­dys“ und „Lip­pen auf­sprit­zen“ – das sind kei­ne zufäl­li­gen Bil­der. Das sind Signi­fi­kan­ten. Sym­bo­le einer Welt, die sich ver­än­dert hat. Eine Welt, in der Auf­merk­sam­keit woan­ders ist. In der Attrak­ti­vi­tät anders defi­niert wird. In der der Rhyth­mus ein ande­rer gewor­den ist.

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan hat beschrie­ben, wie Signi­fi­kan­ten funk­tio­nie­ren: Sie reprä­sen­tie­ren nicht ein­fach Din­ge – sie reprä­sen­tie­ren Posi­tio­nen in einer Ord­nung. Wer auf sein Han­dy schaut, ist dabei. Wer sich die Lip­pen sprit­zen lässt, spielt das Spiel mit. Und wer das alles ablehnt – oder nicht kann, oder nicht will – der steht draußen.

Der Mann an der Ampel hat das nicht so gesagt. Er hat gesagt: Scheiß Gesell­schaft. Aber was er mein­te, war etwas ande­res. Er mein­te: Ich bin nicht mehr drin. Ich gehö­re nicht mehr dazu. Und er spricht für alle ande­ren, die sich aus­ge­schlos­sen fühlen.

Der Mangel, der sich als Wut zeigt

Lacan hat beschrie­ben, dass hin­ter vie­len star­ken Affek­ten ein Man­gel steckt. Nicht das Feh­len einer Sache – son­dern das Gefühl, kei­nen Platz mehr zu haben. Nicht gese­hen zu wer­den. Nicht zu zählen.

Wut ist oft die lau­te­re Form die­ses Schmer­zes. Sie ist sozi­al akzep­tier­ter als Trau­rig­keit, leich­ter zu tra­gen als Scham. Wer sagt „die da drau­ßen sind schuld“, muss nicht sagen: „Ich füh­le mich allein. Ich ver­ste­he die­se Welt nicht mehr. Ich weiß nicht, wohin mit mir.“

Das ist kei­ne Schwä­che. Das ist mensch­lich. Aber es ist wich­tig, den Unter­schied zu sehen: zwi­schen dem, was gesagt wird – und dem, was dahintersteht.

Nicht nur das Alter – aber auch das Alter

Der Mann war nicht jung. Und das Alter spielt eine Rol­le – aber nicht so, wie man viel­leicht denkt.

Es geht nicht dar­um, dass älte­re Men­schen auto­ma­tisch aus­ge­schlos­sen sind. Es geht dar­um, dass die sym­bo­li­sche Ord­nung sich ver­scho­ben hat. Was frü­her Zuge­hö­rig­keit signa­li­sier­te – Arbeit, Sta­tus, eine bestimm­te Art von Männ­lich­keit, eine bestimm­te Art von Bezie­hung zu Frau­en – das trägt nicht mehr auf die­sel­be Weise.

Lacan hat den Begriff des gro­ßen Ande­ren beschrie­ben – die sym­bo­li­sche Ord­nung, die uns sagt, wer wir sind, was wir wert sind, ob wir dazu­ge­hö­ren. Wenn die­ser gro­ße Ande­re sich ver­än­dert, wenn die Spiel­re­geln ande­re wer­den, dann ver­lie­ren man­che Men­schen ihren Platz – ohne dass sie etwas falsch gemacht hät­ten. Ein­fach weil die Welt sich dreht und sie nicht mehr dabei sind. Oder auch nicht dabei sein woll­ten. Oder nicht konnten.

Das ist kein per­sön­li­ches Ver­sa­gen. Aber es fühlt sich so an.

Spinoza: Wenn das Handlungsvermögen schrumpft

Spi­no­za hat Gesund­heit als Fähig­keit beschrie­ben – die Fähig­keit, zu han­deln, zu den­ken, in Bezie­hung zu tre­ten, auf die Welt ein­zu­wir­ken. Alles, was die­se Fähig­keit stei­gert, ist gut. Alles, was sie ver­rin­gert, macht krank.

Ein Mensch, der sich aus­ge­schlos­sen fühlt, des­sen Platz in der sozia­len Welt klei­ner wird, der nicht mehr sieht, wie er dazu­ge­hö­ren soll – die­ser Mensch erlebt einen Rück­gang sei­nes Hand­lungs­ver­mö­gens. Das zeigt sich nicht als Dia­gno­se. Es zeigt sich als Rück­zug. Als Ver­bit­te­rung. Als der Satz an einer Ampel, der eigent­lich kein Kom­men­tar zur Gesell­schaft ist – son­dern ein Hil­fe­ruf, der sich nicht als sol­cher erkennt.

Spi­no­za wür­de nicht sagen: Der Mann soll posi­ti­ver den­ken. Er wür­de fra­gen: Was bräuch­te die­ser Mensch, um wie­der hand­lungs­fä­hi­ger zu wer­den? Was wür­de ihm hel­fen, wie­der einen Platz zu spüren?

Die Frauen, das Begehren, der Ausschluss

Der Mann hat „die Lip­pen“ erwähnt. Das war kein Zufall.

Lacan hat beschrie­ben, wie das Begeh­ren immer an den ande­ren gebun­den ist – wir begeh­ren, was der ande­re begehrt, wir suchen Aner­ken­nung dort, wo sie für uns zählt. Wenn ein Mann das Gefühl hat, für das Geschlecht, zu dem er sich hin­ge­zo­gen fühlt, nicht mehr zu exis­tie­ren – nicht mehr wahr­ge­nom­men zu wer­den, nicht mehr zu zäh­len – dann ist das kein Eitel­keits­pro­blem. Das ist ein Angriff auf eine fun­da­men­ta­le Form von Anerkennung. 

Das gilt nicht nur für roman­ti­sche Auf­merk­sam­keit. Es geht tie­fer: um das Gefühl, über­haupt noch eine Rol­le zu spie­len. Gese­hen zu wer­den. Zu exis­tie­ren im Blick des anderen.

Wer das ver­liert – oder meint, es ver­lo­ren zu haben – der steht vor einer exis­ten­zi­el­len Fra­ge. Und manch­mal ant­wor­tet er dar­auf mit einem Satz über „Han­dys und auf­ge­spritz­te Lippen“.

Was der Mann wirklich gesagt hat

Er hat nicht die Gesell­schaft beschrie­ben. Er hat sich selbst beschrie­ben. Einen Men­schen, der sich nicht mehr zuge­hö­rig fühlt. Der nicht ver­steht, nach wel­chen Regeln das Spiel läuft. Der wütend ist – auf eine Welt, die ihn nicht mehr ruft.

Das ver­dient kei­ne Beleh­rung. Kei­ne The­ra­pie­emp­feh­lung. Kei­ne Erklä­rung, war­um er viel­leicht selbst schuld ist.

Es ver­dient Ver­ständ­nis. Nicht für die Wut – son­dern für das, was dar­un­ter liegt.

Denn die­ser Mann ist nicht allein. Es gibt vie­le Men­schen, die an Ampeln ste­hen und den­ken: Ich gehö­re hier nicht mehr dazu. Ich weiß nicht mehr, wo mein Platz ist. Und ich weiß nicht, wie ich das sagen soll – also sage ich: Scheiß Gesellschaft.

Viel­leicht ist das der ehr­lichs­te Satz, den sie sich aus­zu­spre­chen wagen.

Die­ser Arti­kel ver­bin­det Lacans Theo­rie des Man­gels, des gro­ßen Ande­ren und des Begeh­rens mit Spi­no­zas Affekt­leh­re – und fragt, was hin­ter Wut und Gesell­schafts­kri­tik steckt, wenn man genau­er hinhört.

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