Leipzig Montagnachmittag, Wohl ein Amoklauf, bzw. hier eine Amokfahrt. Ein Auto rast durch die Fußgängerzone. Zwei Menschen sterben, Dutzende werden verletzt. Noch am Abend, bei der ersten Pressekonferenz, fällt das Wort: Der Täter sei „psychisch auffällig“ gewesen. Die Medien sprechen von einer „psychischen Erkrankung“.
Dieses Wort erscheint verlässlich. Es taucht bei fast jedem dieser Ereignisse auf. Und es tut genau das, was ein Wort in solchen Momenten tun soll: Es gibt dem Unbegreiflichen einen Namen. Aber erklärt es irgendetwas?
Warum das Wort „psychisch auffällig“ erklärt – und gleichzeitig verdeckt
Inhaltsverzeichnis
„Psychisch auffällig“ als Signifikant
Was ist eigentlich ein Signifikant?
Ein Signifikant ist ein Wort – aber nicht einfach als Bezeichnung für eine Sache. Sondern als Signal in einem Netz von Bedeutungen. Stell dir vor: Du hörst das Wort „Vater“. Was passiert in dir? Vielleicht Wärme. Vielleicht Angst. Vielleicht nichts. Dasselbe Wort – völlig unterschiedliche Wirkung. Das liegt daran, dass ein Wort seine Bedeutung nicht allein hat. Es bekommt sie durch alles, was es umgibt: andere Wörter, Erinnerungen, Erfahrungen, das, was nie gesagt wurde. Lacan sagt: Kein Wort steht allein. Und manche Wörter tun vor allem eines – sie geben dem Unbegreiflichen einen Platz, damit wir nicht weiter fragen müssen.
Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hat beschrieben, wie Signifikanten funktionieren. Ein Signifikant repräsentiert das Subjekt für einen anderen Signifikanten. Er erzeugt Bedeutung durch seinen Platz in einer Kette – nicht durch seinen Inhalt allein.
„Psychisch auffällig“ ist ein solcher Signifikant. Er gibt dem Ereignis eine Stelle in einer bekannten Kette: Krankheit – Einzeltäter – unberechenbar – nicht verhinderbar. Das Wort beruhigt, weil es einsortiert. Es signalisiert: Das ist kein Angriff auf uns alle. Das ist ein kranker Mensch.
Aber genau hier liegt das Problem. „Psychisch auffällig“ erklärt nicht, warum jemand in eine Menschenmenge fährt. Es benennt einen Zustand, ohne die Struktur dahinter zu beleuchten. Es ist ein Stopfwort – es füllt die Lücke, die das Ereignis aufreißt, ohne sie wirklich zu schließen.
Der Philosoh Baruch de Spinoza würde sagen: Wir verwechseln das Benennen mit dem Verstehen. Ein Name ist keine Erklärung.
Was bei einem Amoklauf zusammenbricht
Lacan hat die psychische Struktur beschrieben, die er Psychose nennt. Im Zentrum steht ein Begriff: die Verwerfung. Was in der Sprache keinen Platz findet, was nicht symbolisiert werden kann, kehrt im Realen wieder – als Halluzination, als Wahn, als unkontrollierbarer Durchbruch.
Die Verwerfung ist nicht einfach eine Krankheit. Sie beschreibt einen Zustand, in dem das, was normalerweise das Subjekt in der sozialen Welt verankert – die Ordnung, das Gesetz, die Sprache – nicht installiert ist oder zusammenbricht. Wenn dieser Anker fehlt, gibt es keinen symbolischen Rahmen mehr, der das Erleben ordnet.
Was dann passiert, nennt Lacan die passage à l’acte – den Akt, der aus dem Rahmen fällt. Nicht als Botschaft an jemanden, nicht als Appell. Sondern als reiner Durchbruch: Das Subjekt wirft sich buchstäblich von der Bühne. Es handelt nicht mehr innerhalb einer symbolischen Ordnung, sondern im Realen selbst.
Das ist der Unterschied zu einem psychischem Symptom, also z.B. einer Panikattacke oder einer Depression. Ein Symptom spricht – es richtet sich an jemanden, es trägt eine Botschaft, auch wenn sie verschlüsselt ist. Die passage à l’acte spricht nicht. Sie bricht durch. Wie z.B. bei einem Amoklauf.
Der „Name des Vaters“ – und was geschieht, wenn er fehlt
Lacan hat den „Namen des Vaters“ beschrieben – nicht den biologischen Vater, sondern eine Funktion. Die Funktion, die das Gesetz installiert, die Grenze setzt, die das Kind aus der symbiotischen Verschmelzung herausholt und in die Welt der Sprache und des Anderen einschreibt.
Wo diese Funktion fehlt oder versagt – sei es durch Abwesenheit, Brutalität, Chaos oder Bedeutungslosigkeit –, bleibt etwas offen. Das Subjekt findet keinen stabilen Platz in der symbolischen Ordnung. Es lebt in einer Welt, die jederzeit aus den Fugen geraten kann.
Das macht niemanden automatisch gefährlich. Die große Mehrheit der Menschen mit psychotischer Struktur lebt ihr Leben, ohne dass es zu Gewalt kommt. Aber es beschreibt, unter welchen Bedingungen ein Zusammenbruch möglich wird – wenn der Anker fehlt und etwas aus dem Realen einbricht.
Und die Terrortat? Ein ganz anderes Drehbuch
Hier liegt der entscheidende Unterschied, den die öffentliche Debatte oft verwischt.
Ein Terrorist handelt nicht aus einem Zusammenbruch heraus. Er handelt aus einer Überzeugung. Er opfert sich – oder andere – für einen großen Anderen: eine Ideologie, Gott, eine Nation, eine Sache. Der Terrorist gibt seinem Handeln einen Sinn. Er ist eingebettet in eine Signifikantenkette, die trägt: Märtyrer, Held, Kämpfer. Er weiß, warum er stirbt oder tötet.
Das ist strukturell das Gegenteil des Amokläufers. Der Terrorist hat einen überzeugten Anderen, dem er dient. Er hat Sprache, Plan, Botschaft. Die Tat ist kommunikativ – sie soll etwas sagen.
Lacan hat beschrieben, wie gefährlich es ist, wenn ein Subjekt sich vollständig einer Ideologie verschreibt – wenn das Begehren des Anderen zum eigenen Gesetz wird. Der Fundamentalismus ist keine psychische Erkrankung. Er ist eine Antwort auf den Mangel: Wenn ich nichts bin, kann ich alles sein für die Sache.
Das erklärt, wie Menschen bereit sind, sich zu opfern. Und wie sie fähig sind, andere in den Tod zu reißen. Nicht weil sie krank sind – sondern weil ein Signifikant so stark geworden ist, dass er alles andere ausblendet.
Enthemmung – das Wegfallen der Grenze
Lacan hat noch ein drittes Konzept eingebracht, das hier relevant ist: die Enthemmung. In seiner Analyse der passage à l’acte beschreibt er Momente, in denen alle symbolischen Bremsen versagen.
Normalerweise hält das Subjekt sich in einem Rahmen. Das Symbolische – Sprache, Gesetz, soziale Ordnung – wirkt als Damm. Wenn dieser Damm bricht, entsteht nicht Freiheit, sondern Entfesselung. Das Begehren bricht durch in einer Form, die keinen Ausdruck mehr kennt außer dem Akt selbst.
Lacan war skeptisch, was eine „befreiende Enthemmung“ betrifft. Der Zeitgeist des „Genieße!“ – das Gebot, alle Grenzen zu sprengen, sich nichts zu versagen – schafft keine Freiheit. Er schafft neue Zwangszustände. Und manchmal bricht er Dämme auf, die vorher noch getragen haben.
Was das Wort „psychisch auffällig“ nicht leistet
Das Wort tut, was Signifikanten immer tun: Es gibt etwas einen Platz in einer Kette. Es sagt: Das gehört in die Kategorie der Erkrankung, nicht der politischen Gewalt.
Aber es beantwortet nicht, was in einem Menschen vorgeht, wenn er das Unvorstellbare tut. Es erklärt nicht, welche Strukturen gescheitert sind – familiär, gesellschaftlich, psychisch. Es entlastet die Gemeinschaft von der Frage, ob sie etwas hätte sehen oder tun können.
Lacan würde sagen: Das Reale lässt sich nicht durch einen Signifikanten einsperren. Es bricht immer wieder heraus, in neuen Formen, an neuen Orten.
Die eigentliche Frage ist nicht: War dieser Mensch psychisch krank? Die eigentliche Frage ist: Was bricht hier durch – und warum findet es keinen anderen Ausdruck?
Eine Gesellschaft, die auf diese Frage keine Antwort hat, wird weiter Wörter brauchen, die erklären ohne zu erklären. Und weiter geschockt sein, wenn das Reale sich die nächste Lücke sucht.
Dieser Artikel verbindet Lacans Theorie der Psychose und Verwerfung, den Begriff des Namens des Vaters und das Konzept der Enthemmung mit Spinozas Affektlehre – und fragt, was das Wort „psychisch auffällig“ wirklich leistet.