Warum der Mensch das Ungreifbare braucht – und was zwei radikale Denker damit anfangen
Inhaltsverzeichnis
- 1 Das Fabelwesen Einhorn – ein Tier, das es nicht gibt – und trotzdem real ist
- 2 Spinoza: Das Wunder ist Natur, die du noch nicht verstehst
- 3 Lacan: Das Einhorn ist real – als Objekt des Begehrens
- 4 Warum Menschen an das Wunderbare glauben
- 5 Das Wunderbare und die Frage nach dem Sinn
- 6 Was das für uns bedeutet
Das Fabelwesen Einhorn – ein Tier, das es nicht gibt – und trotzdem real ist
Das Einhorn existiert nicht. Das wissen wir. Und trotzdem hat es die menschliche Vorstellungswelt seit Jahrtausenden bevölkert – in der Antike, im Mittelalter, in der Gegenwart. Es taucht in Mythen auf, in religiösen Texten, in der Heraldik, in der Popkultur. Kein anderes nicht-existierendes Tier hat eine solche Kraft entfaltet.
Warum? Was macht das Wunderbare so wirksam – auch und gerade dann, wenn wir wissen, dass es keine Grundlage in der Wirklichkeit hat? Und was sagen zwei der schärfsten Denker der Philosophiegeschichte dazu – Baruch de Spinoza und Jacques Lacan?
Die Antworten überraschen. Denn beide nehmen das Wunderbare ernst – nur aus völlig verschiedenen Perspektiven.
Spinoza: Das Wunder ist Natur, die du noch nicht verstehst
Spinoza ist bekannt als der Denker, der Gott mit der Natur gleichsetzte und den Aberglauben systematisch demontierte. In seinem Theologisch-politischen Traktat schreibt er explizit gegen den Wunderbegriff: Was wir Wunder nennen, ist kein Eingriff eines übernatürlichen Wesens in die Welt. Es ist ein Ereignis, dessen Ursachen wir nicht kennen. Wer die Ursachen kennte, würde kein Wunder sehen – nur Natur.
Das klingt nach einer Absage an das Wunderbare. Aber es ist das Gegenteil davon.
Denn Spinoza setzt an die Stelle des Wunders etwas, das er für tiefer und reicher hält: das Staunen vor der Wirklichkeit selbst. Wer die Zusammenhänge der Dinge wirklich begreift – die innere Notwendigkeit, mit der alles aus allem folgt, die unendliche Komplexität der Natur –, der erlebt ein Staunen, das das Wundern über unerklärte Ereignisse weit übersteigt. Spinoza nennt das amor intellectualis Dei – die intellektuelle Liebe zu Gott oder zur Natur. Eine Form der Ehrfurcht, die nicht trotz des Verstehens entsteht, sondern durch es.
Das Einhorn als Tier lehnt Spinoza ab. Aber das Einhorn als Symbol für das Ungreifbare, das Reine, das ewig Unerreichte – das wäre für ihn ein Produkt der ersten Erkenntnisart: der Einbildungskraft, die Dinge zusammensetzt, die sie so nie gesehen hat. Das ist keine Wahrheit über die Welt. Aber es ist eine Wahrheit über den Menschen – darüber, was er sich wünscht und was er vermisst.
Lacan: Das Einhorn ist real – als Objekt des Begehrens
Lacan würde hier einsetzen, wo Spinoza aufhört. Für ihn ist die entscheidende Frage nicht, ob das Einhorn existiert. Die entscheidende Frage ist: Was tut es?
In Lacans Denken ist das Symbolische die eigentliche Realität des Menschen. Wir leben nicht in der Welt der Dinge – wir leben in der Welt der Bedeutungen, der Sprache, der Symbole. Und in dieser Welt ist das Einhorn hochrelevant. Es symbolisiert das Reine, das Unberührbare, das ewig Unerreichte – und genau deshalb hat es eine Funktion im menschlichen Begehren.
Lacan hat ein Konzept, das hier perfekt passt: das Objekt klein a. Das ist das Objekt des Begehrens – nicht das Ding, das man wirklich will, sondern das, was das Begehren am Leben hält. Dieses Objekt ist strukturell unerreichbar. Sobald man es hätte, würde es aufhören, das zu sein, was es war. Das Begehren lebt vom Entzug.
Das Einhorn ist das perfekte Bild dafür. Man kann es nicht fangen. Es erscheint nur dem Reinen – aber wer wirklich rein ist, weiß das nie mit Sicherheit. Es bleibt immer jenseits des Greifbaren. Genau das macht es so mächtig – nicht obwohl es nicht existiert, sondern weil es nicht existiert. Das Einhorn ist real als Struktur des Begehrens.
Warum Menschen an das Wunderbare glauben
Aus dieser Perspektive wird der Glaube an das Wunderbare verständlich – nicht als Irrtum, sondern als Funktion.
Für Spinoza ist der Wunderglaube ein Zeichen von unvollständiger Erkenntnis. Er entsteht, wo das Verstehen aufhört. Er ist nicht böse oder dumm – er ist menschlich. Der Mensch steht vor einer Welt, deren Ursachen er nicht vollständig kennt, und füllt die Lücken mit Bedeutung. Das Einhorn ist ein solches Bedeutungsmuster: eine Projektion des Wunsches nach Reinheit, Unschuld, dem Unberührten.
Für Lacan ist der Wunderglaube notwendiger. Der Mensch braucht das Ungreifbare. Er braucht etwas, das immer ein bisschen jenseits von ihm bleibt. Ohne dieses Jenseits kollabiert das Begehren – und mit ihm ein wesentlicher Teil dessen, was das Subjekt am Leben hält. Wer aufhört zu glauben, dass es etwas gibt, das er noch nicht hat und noch nicht ist, verliert einen Antrieb, der tiefer sitzt als jede rationale Motivation.
Das ist keine Verteidigung von Aberglaube. Es ist eine psychologische Beschreibung dessen, was Symbole wie das Einhorn leisten: Sie halten das Begehren in Bewegung. Sie benennen das, was fehlt. Sie geben dem Mangel eine Gestalt.
Das Wunderbare und die Frage nach dem Sinn
Hier treffen sich Spinoza und Lacan auf unerwartete Weise.
Spinoza würde sagen: Das Wunderbare, richtig verstanden, ist die Wirklichkeit selbst. Wer tief genug schaut, wer die Zusammenhänge der Dinge erkennt, findet ein Staunen, das kein Einhorn braucht. Das Wunderbare verschwindet nicht mit dem Verstehen – es vertieft sich.
Lacan würde sagen: Das Wunderbare, richtig verstanden, ist eine Funktion des Subjekts. Es zeigt, was der Mensch begehrt und was er vermisst. Das Einhorn ist nicht Irrtum – es ist Botschaft. Eine Botschaft über das, was das Subjekt als unvollständig erlebt, was es sucht, was es sich wünscht, ohne es genau benennen zu können.
Beide würden dem zynischen Entzauberungsdenken widersprechen – der Idee, dass mit dem Einhorn auch das Staunen verschwindet. Das Wunderbare ist nicht das Gegenteil des Denkens. Es ist ein Teil dessen, was den Menschen ausmacht.
Was das für uns bedeutet
Wer an Wunderbares glaubt – an Zeichen, an Zufälle, die keine sind, an das Gefühl, dass manches größer ist als es scheint –, der folgt einer tief menschlichen Struktur. Weder Spinoza noch Lacan würden das abtun.
Spinoza würde fragen: Was verstehst du noch nicht? Wo ist die Lücke in deinem Bild der Wirklichkeit, die du mit Bedeutung füllst? Und er würde hinzufügen: Das Staunen, das du suchst, findest du nicht im Ungeklärten. Du findest es, wenn du tiefer schaust.
Lacan würde fragen: Was begehrt du wirklich? Was ist das Einhorn in deinem Leben – das Unerreichbare, das Reine, das ewig Verfehlte? Und er würde hinzufügen: Diese Frage ist nicht zu lösen. Sie ist zu verstehen.
Das Einhorn existiert nicht. Aber die Sehnsucht, die es symbolisiert, ist real. Und diese Sehnsucht sagt etwas über dich – über das, was du vermisst, was du dir wünschst, was du noch nicht gefunden hast.
Das Wunderbare verschwindet nicht mit dem Verstehen. Es verändert sich. Aus dem Einhorn wird die Frage – und die Frage trägt weiter als jedes Tier, das es nie gegeben hat.
Baruch de Spinoza (1632–1677), Theologisch-politischer Traktat (1670) und Ethica ordine geometrico demonstrata (1677). Jacques Lacan (1901–1981), Das Seminar, Buch XI: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse (1964). Der Begriff des Objekts klein a als Objekt des Begehrens durchzieht Lacans gesamtes Spätwerk.