Das Einhorn, der Glaube und das Wunderbare

War­um der Mensch das Ungreif­ba­re braucht – und was zwei radi­ka­le Den­ker damit anfangen


Das Fabelwesen Einhorn – ein Tier, das es nicht gibt – und trotzdem real ist

Das Ein­horn exis­tiert nicht. Das wis­sen wir. Und trotz­dem hat es die mensch­li­che Vor­stel­lungs­welt seit Jahr­tau­sen­den bevöl­kert – in der Anti­ke, im Mit­tel­al­ter, in der Gegen­wart. Es taucht in Mythen auf, in reli­giö­sen Tex­ten, in der Heral­dik, in der Pop­kul­tur. Kein ande­res nicht-exis­tie­ren­des Tier hat eine sol­che Kraft entfaltet.

War­um? Was macht das Wun­der­ba­re so wirk­sam – auch und gera­de dann, wenn wir wis­sen, dass es kei­ne Grund­la­ge in der Wirk­lich­keit hat? Und was sagen zwei der schärfs­ten Den­ker der Phi­lo­so­phie­ge­schich­te dazu – Baruch de Spi­no­za und Jac­ques Lacan?

Die Ant­wor­ten über­ra­schen. Denn bei­de neh­men das Wun­der­ba­re ernst – nur aus völ­lig ver­schie­de­nen Perspektiven.


Spinoza: Das Wunder ist Natur, die du noch nicht verstehst

Spi­no­za ist bekannt als der Den­ker, der Gott mit der Natur gleich­setz­te und den Aber­glau­ben sys­te­ma­tisch demon­tier­te. In sei­nem Theo­lo­gisch-poli­ti­schen Trak­tat schreibt er expli­zit gegen den Wun­der­be­griff: Was wir Wun­der nen­nen, ist kein Ein­griff eines über­na­tür­li­chen Wesens in die Welt. Es ist ein Ereig­nis, des­sen Ursa­chen wir nicht ken­nen. Wer die Ursa­chen kenn­te, wür­de kein Wun­der sehen – nur Natur.

Das klingt nach einer Absa­ge an das Wun­der­ba­re. Aber es ist das Gegen­teil davon.

Denn Spi­no­za setzt an die Stel­le des Wun­ders etwas, das er für tie­fer und rei­cher hält: das Stau­nen vor der Wirk­lich­keit selbst. Wer die Zusam­men­hän­ge der Din­ge wirk­lich begreift – die inne­re Not­wen­dig­keit, mit der alles aus allem folgt, die unend­li­che Kom­ple­xi­tät der Natur –, der erlebt ein Stau­nen, das das Wun­dern über uner­klär­te Ereig­nis­se weit über­steigt. Spi­no­za nennt das amor intellec­tua­lis Dei – die intel­lek­tu­el­le Lie­be zu Gott oder zur Natur. Eine Form der Ehr­furcht, die nicht trotz des Ver­ste­hens ent­steht, son­dern durch es.

Das Ein­horn als Tier lehnt Spi­no­za ab. Aber das Ein­horn als Sym­bol für das Ungreif­ba­re, das Rei­ne, das ewig Uner­reich­te – das wäre für ihn ein Pro­dukt der ers­ten Erkennt­nis­art: der Ein­bil­dungs­kraft, die Din­ge zusam­men­setzt, die sie so nie gese­hen hat. Das ist kei­ne Wahr­heit über die Welt. Aber es ist eine Wahr­heit über den Men­schen – dar­über, was er sich wünscht und was er vermisst.


Lacan: Das Einhorn ist real – als Objekt des Begehrens

Lacan wür­de hier ein­set­zen, wo Spi­no­za auf­hört. Für ihn ist die ent­schei­den­de Fra­ge nicht, ob das Ein­horn exis­tiert. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist: Was tut es?

In Lacans Den­ken ist das Sym­bo­li­sche die eigent­li­che Rea­li­tät des Men­schen. Wir leben nicht in der Welt der Din­ge – wir leben in der Welt der Bedeu­tun­gen, der Spra­che, der Sym­bo­le. Und in die­ser Welt ist das Ein­horn hoch­re­le­vant. Es sym­bo­li­siert das Rei­ne, das Unbe­rühr­ba­re, das ewig Uner­reich­te – und genau des­halb hat es eine Funk­ti­on im mensch­li­chen Begehren.

Lacan hat ein Kon­zept, das hier per­fekt passt: das Objekt klein a. Das ist das Objekt des Begeh­rens – nicht das Ding, das man wirk­lich will, son­dern das, was das Begeh­ren am Leben hält. Die­ses Objekt ist struk­tu­rell uner­reich­bar. Sobald man es hät­te, wür­de es auf­hö­ren, das zu sein, was es war. Das Begeh­ren lebt vom Entzug.

Das Ein­horn ist das per­fek­te Bild dafür. Man kann es nicht fan­gen. Es erscheint nur dem Rei­nen – aber wer wirk­lich rein ist, weiß das nie mit Sicher­heit. Es bleibt immer jen­seits des Greif­ba­ren. Genau das macht es so mäch­tig – nicht obwohl es nicht exis­tiert, son­dern weil es nicht exis­tiert. Das Ein­horn ist real als Struk­tur des Begehrens.


Warum Menschen an das Wunderbare glauben

Aus die­ser Per­spek­ti­ve wird der Glau­be an das Wun­der­ba­re ver­ständ­lich – nicht als Irr­tum, son­dern als Funktion.

Für Spi­no­za ist der Wun­der­glau­be ein Zei­chen von unvoll­stän­di­ger Erkennt­nis. Er ent­steht, wo das Ver­ste­hen auf­hört. Er ist nicht böse oder dumm – er ist mensch­lich. Der Mensch steht vor einer Welt, deren Ursa­chen er nicht voll­stän­dig kennt, und füllt die Lücken mit Bedeu­tung. Das Ein­horn ist ein sol­ches Bedeu­tungs­mus­ter: eine Pro­jek­ti­on des Wun­sches nach Rein­heit, Unschuld, dem Unberührten.

Für Lacan ist der Wun­der­glau­be not­wen­di­ger. Der Mensch braucht das Ungreif­ba­re. Er braucht etwas, das immer ein biss­chen jen­seits von ihm bleibt. Ohne die­ses Jen­seits kol­la­biert das Begeh­ren – und mit ihm ein wesent­li­cher Teil des­sen, was das Sub­jekt am Leben hält. Wer auf­hört zu glau­ben, dass es etwas gibt, das er noch nicht hat und noch nicht ist, ver­liert einen Antrieb, der tie­fer sitzt als jede ratio­na­le Motivation.

Das ist kei­ne Ver­tei­di­gung von Aber­glau­be. Es ist eine psy­cho­lo­gi­sche Beschrei­bung des­sen, was Sym­bo­le wie das Ein­horn leis­ten: Sie hal­ten das Begeh­ren in Bewe­gung. Sie benen­nen das, was fehlt. Sie geben dem Man­gel eine Gestalt.


Das Wunderbare und die Frage nach dem Sinn

Hier tref­fen sich Spi­no­za und Lacan auf uner­war­te­te Weise.

Spi­no­za wür­de sagen: Das Wun­der­ba­re, rich­tig ver­stan­den, ist die Wirk­lich­keit selbst. Wer tief genug schaut, wer die Zusam­men­hän­ge der Din­ge erkennt, fin­det ein Stau­nen, das kein Ein­horn braucht. Das Wun­der­ba­re ver­schwin­det nicht mit dem Ver­ste­hen – es ver­tieft sich.

Lacan wür­de sagen: Das Wun­der­ba­re, rich­tig ver­stan­den, ist eine Funk­ti­on des Sub­jekts. Es zeigt, was der Mensch begehrt und was er ver­misst. Das Ein­horn ist nicht Irr­tum – es ist Bot­schaft. Eine Bot­schaft über das, was das Sub­jekt als unvoll­stän­dig erlebt, was es sucht, was es sich wünscht, ohne es genau benen­nen zu können.

Bei­de wür­den dem zyni­schen Ent­zau­be­rungs­den­ken wider­spre­chen – der Idee, dass mit dem Ein­horn auch das Stau­nen ver­schwin­det. Das Wun­der­ba­re ist nicht das Gegen­teil des Den­kens. Es ist ein Teil des­sen, was den Men­schen ausmacht.


Was das für uns bedeutet

Wer an Wun­der­ba­res glaubt – an Zei­chen, an Zufäl­le, die kei­ne sind, an das Gefühl, dass man­ches grö­ßer ist als es scheint –, der folgt einer tief mensch­li­chen Struk­tur. Weder Spi­no­za noch Lacan wür­den das abtun.

Spi­no­za wür­de fra­gen: Was ver­stehst du noch nicht? Wo ist die Lücke in dei­nem Bild der Wirk­lich­keit, die du mit Bedeu­tung füllst? Und er wür­de hin­zu­fü­gen: Das Stau­nen, das du suchst, fin­dest du nicht im Unge­klär­ten. Du fin­dest es, wenn du tie­fer schaust.

Lacan wür­de fra­gen: Was begehrt du wirk­lich? Was ist das Ein­horn in dei­nem Leben – das Uner­reich­ba­re, das Rei­ne, das ewig Ver­fehl­te? Und er wür­de hin­zu­fü­gen: Die­se Fra­ge ist nicht zu lösen. Sie ist zu verstehen.

Das Ein­horn exis­tiert nicht. Aber die Sehn­sucht, die es sym­bo­li­siert, ist real. Und die­se Sehn­sucht sagt etwas über dich – über das, was du ver­misst, was du dir wünschst, was du noch nicht gefun­den hast.


Das Wun­der­ba­re ver­schwin­det nicht mit dem Ver­ste­hen. Es ver­än­dert sich. Aus dem Ein­horn wird die Fra­ge – und die Fra­ge trägt wei­ter als jedes Tier, das es nie gege­ben hat.


Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Theo­lo­gisch-poli­ti­scher Trak­tat (1670) und Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta (1677). Jac­ques Lacan (1901–1981), Das Semi­nar, Buch XI: Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se (1964). Der Begriff des Objekts klein a als Objekt des Begeh­rens durch­zieht Lacans gesam­tes Spätwerk.

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