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Ein eingehende Untersuchung in fünf Akten – Žižek über Spinoza, Kant, Hegel, Lacan und Badiou
Inhaltsverzeichnis
- 1 Warum alle Spinoza lieben – und warum das verdächtig ist
- 2 Spinoza: Der Philosoph ohne Risse
- 2.1 Das Grundproblem: Eine Welt ohne Brüche
- 2.2 Die Vielheit (multitudo): Demokratie und Lynchmob kommen aus derselben Quelle
- 2.3 Gefühle als unpersönliche Kräfte
- 2.4 Der blinde Fleck: Keine Negativität, keine Lücke
- 2.5 Recht gleich Macht – und sein Preis
- 2.6 Ethik ohne Gebot – und ihr Preis
- 3 Kant: Der Riss in der Wirklichkeit
- 4 Hegel: Der Riss gehört zur Wirklichkeit selbst
- 5 Badiou und Lacan: Das Ereignis und seine Folgen
- 6 Die große Linie: Spinoza – Kant – Hegel
- 7 Was bleibt: Spinoza neu lesen
Warum alle Spinoza lieben – und warum das verdächtig ist
Es gibt eine ungeschriebene Regel in der akademischen Philosophie: Man muss Spinoza lieben. Strenge Materialisten lieben ihn. Anarchisten lieben ihn. Feministinnen lieben ihn. Religionskritiker lieben ihn. Liberale lieben ihn. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek beginnt seinen Essay mit genau dieser Beobachtung – und macht sie sofort zum Problem. Ich beziehe mich hier auf seinen Aufsatz „Spinoza, Kant, Hegel and… Badiou!“.
Wer von allen geliebt wird, sollte uns misstrauisch machen. Denn Spinoza ist eine Figur, die im 17. Jahrhundert von ihrer eigenen jüdischen Gemeinde mit dem schwersten Bann belegt wurde, der damals möglich war. Heute trägt er den Status eines philosophischen Heiligen. Was sagt das über uns – und über Spinoza?
Žižeks Essay ist kein Hymnus auf Spinoza. Er ist ein „philosophisches Verhör“. Žižek nimmt Spinoza ernst – so ernst, dass er die Grenzen seines Denkens sichtbar macht. Und er tut das durch den Vergleich mit Kant, Hegel, Deleuze, Lacan und schließlich dem zeitgenössischen Philosophen Alain Badiou. Was entsteht, ist ein philosophisches Panoramabild, das drei Jahrhunderte Ideengeschichte durchläuft.
Spinoza: Der Philosoph ohne Risse
Das Grundproblem: Eine Welt ohne Brüche
Für Žižek ist Spinoza der Philosoph der Substanz – nach Descartes und als konsequente Fortführung seines Ansatzes. Das klingt abstrakt, hat aber eine sehr konkrete Folge: In Spinozas System gibt es keine echten Brüche, keine echten Widersprüche, keine innere Negativität. Alles, was ist, strebt danach, sich zu entfalten. Alles Schlechte kommt von außen. Nichts zerstört sich selbst von innen.
Spinoza nennt dieses Streben Conatus – den Selbsterhaltungstrieb, der allem Lebendigen innewohnt. Žižek sieht darin etwas Großartiges, aber auch eine bleibende Grenze: Spinoza bleibt damit dem aristotelischen Rahmen des „guten Lebens“ verhaftet. Was er nicht denken kann, ist das, was Freud später den Todestrieb nennen wird – die Idee, dass der Conatus auf einem fundamentalen Akt der Selbstsabotage beruht. Dass wir uns manchmal nicht trotz, sondern wegen unserer Natur zerstören.
Mit Lacan gesagt: Was Spinoza nicht fassen kann, ist das Begehren in seiner reinsten Form – ein unbedingter Antrieb, der sich um das Wohlbefinden des Subjekts nicht schert, der jenseits des Lustprinzips operiert.
Die Vielheit (multitudo): Demokratie und Lynchmob kommen aus derselben Quelle
Eines der eindrucksvollsten Kapitel in Žižeks Spinoza-Lektüre betrifft die politische Philosophie. Spinoza hat das Schlimmste erlebt, was Politik bedeuten kann: Er sah, wie ein aufgebrachter Mob die Brüder De Witt – seine politischen Verbündeten – lynchte. Trotzdem blieb er bei seiner Analyse der Vielheit (multitudo) radikal nüchtern.
Für Spinoza funktionieren Demokratie und Lynchmob nach demselben Mechanismus: der Nachahmung von Gefühlen (imitatio affecti). Begeisterung und Hass breiten sich nach denselben Gesetzen aus. Solidarität und rassistische Gewalt haben dieselbe Quelle. Das ist der tiefe, oft übersehene Kern seines politischen Denkens.
Žižek vergleicht das mit dem populären Konzept der Multitude, wie es Antonio Negri und Michael Hardt in ihrem Buch Empire feiern. Dort gilt die Multitude als Kraft des Widerstands, als Quelle politischer Energie. Spinoza wäre dem gegenüber skeptisch gewesen: Die Menge ist nicht gut oder böse. Sie ist ein Mechanismus. Derselbe Mechanismus, der Solidarität schafft, schafft auch Gewalt. Wer das vergisst, denkt nicht spinozistisch – er schwärmt.
Gefühle als unpersönliche Kräfte
Besonders modern wirkt Spinozas Konzept der Gefühlsübertragung. Gefühle gehören nicht einem Subjekt, das sie dann an ein anderes weitergibt. Sie zirkulieren auf einer vorindividuellen Ebene – sie sind Intensitäten, die niemandem gehören, aber alle bewegen. Deleuze hat diesen Gedanken später ausgearbeitet: Gefühle sind freischwebende Kräfte, die unter der Ebene der Intersubjektivität wirken.
Das ist bemerkenswert aktuell: Was Spinoza beschreibt, ähnelt dem, was Sozialpsychologie, Neurowissenschaft und Kommunikationsforschung heute empirisch nachweisen – dass Stimmungen, Ängste und Begeisterung sich viral verbreiten, ohne dass einzelne Personen bewusst als Sender oder Empfänger agieren.
Der blinde Fleck: Keine Negativität, keine Lücke
Žižeks eigentliche Kritik an Spinoza ist philosophisch tiefer. Spinoza lehnt jede Form von Negativität ab. Für ihn ist jede Schwäche, jede Einschränkung, jeder Mangel nur das Ergebnis unserer begrenzten Sicht. Im vollständigen Bild der Natur gibt es keine echten Mängel – nur Unterschiede in der Entfaltung.
Was dabei auf der Strecke bleibt, so Žižek, ist die symbolische Ordnung. Denn die symbolische Ordnung – Sprache, Recht, Kultur – lebt genau davon, dass Abwesenheit eine positive Kraft haben kann. Dass der Hund, der nicht bellt, ein Ereignis ist. Dass eine Leerstelle Bedeutung erzeugt. Dass Verbote nicht nur Einschränkungen sind, sondern Begehren erst ermöglichen. Spinoza kann das nicht denken.
Recht gleich Macht – und sein Preis
Das hat direkte politische Konsequenzen. Für Spinoza gilt: Recht ist Macht. Wie viel Recht dir zusteht, entspricht deiner Macht. Das klingt nach modernem Pragmatismus – ist aber hochproblematisch.
Žižek verweist auf eine erschreckende Konsequenz: Auf der letzten Seite seines Politischen Traktats benutzt Spinoza genau dieses Argument, um die „natürliche Unterordnung“ der Frauen zu begründen. Da Frauen historisch weniger politische Macht ausgeübt haben, hätten sie auch weniger natürliche Rechte. Žižek zitiert das nicht, um billig Punkte zu sammeln, sondern um zu zeigen: Eine Philosophie ohne normative Dimension, ohne ein „Du sollst“, kann keine Gerechtigkeit denken – sie kann nur beschreiben, was ist.
Ethik ohne Gebot – und ihr Preis
Spinozas berühmte Bibelauslegung macht das besonders klar. Als Gott Adam sagt, er solle nicht vom Baum der Erkenntnis essen, meint er laut Spinoza eigentlich: Das Essen ist schädlich für dich. Nur weil Adam diese Kausalität nicht verstand, deutete er es als Gebot. Wer versteht, braucht keine Verbote. Gebote sind die Sprache der Unwissenden.
Das ist radikal konsequent. Aber Žižek zeigt, welchen Preis diese Radikalität hat. Was Spinoza ausschaltet, ist jene innere Stimme, die uns aus freier Entscheidung verpflichtet. Ohne ein „Du sollst“ gibt es keine echte moralische Freiheit – nur das Erkennen von Notwendigkeiten.
Žižeks psychoanalytische Pointe: Wenn man das Verbot durch Aufklärung ersetzt – „Rauchen gefährdet deine Gesundheit“ statt „Rauchen ist verboten“ –, kehrt das Verbot als innerer Zwang zurück. Das Wissen, das befreien soll, erzeugt neue Schuld.
Kant: Der Riss in der Wirklichkeit
Genau an dem Punkt, wo Spinoza an seine Grenzen stößt, setzt Kant an. Was Spinoza und Kant teilen: Beide lehnen die Idee ab, dass gute Taten im Jenseits belohnt werden. Tugend hat ihre eigene Belohnung. Aber Kant geht einen entscheidenden Schritt weiter.
Kants Grundthese gegen Spinoza: Die vollständige Ordnung des Seins, in der alles kausal verbunden ist und Freiheit nur eine Illusion wäre, ist unerträglich. Sie würde uns zu Marionetten machen. In seiner Kritik der praktischen Vernunft beschreibt Kant, was passieren würde, wenn wir direkten Zugang zur Wirklichkeit an sich hätten: Wir würden aus Angst und Hoffnung handeln – nie aus Pflicht. Der moralische Wert des Handelns würde verschwinden. Alles wäre Mechanismus.
Kant dreht den Spieß um: Der Mangel, die Einschränkung unserer Erkenntnis, ist nicht unser Problem – sie ist unsere Freiheit. Wir sind frei, weil wir keinen direkten Zugang zur Wirklichkeit an sich haben. Die Bedingung der Unmöglichkeit ist die Bedingung der Möglichkeit.
Žižek nennt das Kants transzendentale Wende: Das Endliche, Begrenzte ist nicht ein Makel des ansonsten unendlichen Subjekts – es ist der positive Grund seiner Freiheit. Nicht trotz unserer Endlichkeit sind wir frei, sondern wegen ihr. Und genau das fehlt bei Spinoza.
Hegel: Der Riss gehört zur Wirklichkeit selbst
Was bringt Hegel zu dieser Konstellation? Žižek nähert sich dieser Frage über einen überraschenden Umweg – über Deleuze und seinen Begriff des Problems.
Für Deleuze hat jedes echte Problem einen Überschuss gegenüber seinen Lösungen. Die Frage ist immer größer als die Antwort. Das klingt anti-hegelianisch – Deleuze liest Hegel als den, der alle Lücken füllt und zur vollständigen Verwirklichung des Begriffs gelangt. Aber Žižek zeigt: Das ist ein Missverständnis.
Hegels eigentliche Bewegung ist eine andere. Er füllt die Lücken nicht aus. Er zeigt, dass die Unvollständigkeit nicht in unserem Erkennen liegt – sie liegt in der Wirklichkeit selbst. Der Riss, den Kant zwischen Erscheinung und Ding an sich zieht, wird bei Hegel in das Ding an sich selbst hineingetragen. Das Absolute ist unvollständig. Das Sein ist nicht ganz.
Hegels berühmter Satz, man solle das Absolute nicht nur als Substanz, sondern auch als Subjekt denken, bedeutet genau das: „Subjekt“ ist der Name für den Riss im Gebäude des Seins.
Das ist der Schritt von Kant zu Hegel: Kant sagt, das Ding an sich ist uns unzugänglich, aber es ist vollständig und geschlossen. Hegel sagt: Nein. Die Wirklichkeit ist selbst unvollständig. Der Abgrund, den wir spüren, wenn wir an die Grenzen unseres Wissens stoßen, ist nicht der Abgrund zwischen uns und der Wirklichkeit – er ist der Abgrund der Wirklichkeit selbst.
Badiou und Lacan: Das Ereignis und seine Folgen
Den längsten Teil seines Essays widmet Žižek dem zeitgenössischen Philosophen Alain Badiou – und dem Vergleich zwischen Badious Theorie des Ereignisses und Jacques Lacans Psychoanalyse.
Was ist ein Ereignis?
Für Badiou gibt es Momente, die sich nicht auf die bestehende Ordnung zurückführen lassen – Momente, die etwas radikal Neues einführen. Er nennt das ein Ereignis (événement). Solche Ereignisse können in vier Bereichen auftreten: Wissenschaft, Kunst, Politik, Liebe. Ein Ereignis ist nicht erklärbar durch das, was vorher war. Es bricht die Ordnung des Seins auf.
Lacan contra Badiou: Sackgasse oder Durchgang?
Hier entsteht die zentrale Spannung, die Žižek herausarbeitet. Für Lacan ist die tiefste authentische Erfahrung die vollständige Konfrontation mit dem Unmöglichen, dem Realen – einem Kern, der sich der Symbolisierung widersetzt. Diese Begegnung kann man aushalten, aber man kann nicht durch sie hindurch. Sie ist eine Sackgasse, kein Durchgang.
Badiou sieht das anders. Für ihn ist das Wichtige nicht die erschütternde Begegnung mit dem Realen, sondern was danach kommt: die mühsame, „unreine“ Arbeit der Treue zum Ereignis – das Einschreiben des Neuen in die Ordnung des Bestehenden. Wahrheit ist immer post-eventuell. Sie kommt nach dem Ereignis, als seine Symbolisierung.
Das Kantische Problem bei Badiou
Žižeks tiefste Kritik an Badiou ist eine Kant-Kritik in Verkleidung. Badiou behauptet, er sei kein Kantianer. Aber sein Denken reproduziert eine kantische Struktur: Das Ereignis steht auf der einen Seite. Das Sein auf der anderen. Der Übergang geschieht als ob – man handelt, als ob die neue Wahrheit bereits vollständig verwirklicht wäre, obwohl man weiß, dass sie es nicht ist. Das ist Kants regulatives Ideal in neuem Gewand.
Die eigentliche Lösung: Hegelisch und materialistisch
Žižeks eigene Position – und das ist der Kern des Essays – lautet: Das Unbenennbare ist keine externe Grenze. Es ist eine absolut innere Grenze. Es gibt kein Jenseits des Seins, das sich in das Sein einschreibt. Es gibt nur das Sein – aber das Sein schließt sich nie vollständig. Es ist in sich selbst nicht identisch, nicht ganz.
Das ist der Übergang von Kant zu Hegel: Nicht der Übergang von begrenzter zu vollständiger Erkenntnis, sondern der Übergang, durch den die Grenze selbst von außen nach innen wandert. Die Lücke ist nicht zwischen uns und der Wirklichkeit. Die Lücke ist in der Wirklichkeit.
Die große Linie: Spinoza – Kant – Hegel
Am Ende ergibt sich aus Žižeks Essay ein klares Bild der philosophischen Geschichte als Dreierschritt:
Spinoza denkt eine Welt ohne Risse, ohne Negativität, ohne symbolische Ordnung. Das Sein ist vollständig positiv. Freiheit ist Erkenntnis der Notwendigkeit. Ethik ist eine Beschreibung von Kräften, kein Gebot. Das ist radikal und konsequent – aber es kann keine moralische Freiheit denken, keinen echten Bruch, kein Ereignis.
Kant schlägt zurück: Es gibt einen unüberbrückbaren Riss zwischen Erscheinung und Ding an sich. Genau dieser Riss ermöglicht Freiheit. Wir sind frei, weil wir nicht alles wissen. Moralische Gebote kommen aus diesem Riss. Aber Kant lässt das Ding an sich vollständig und geschlossen – er verschiebt Spinozas Problem nur.
Hegel macht den entscheidenden Schritt: Der Riss ist nicht zwischen uns und der Wirklichkeit. Er ist in der Wirklichkeit selbst. Das Sein ist unvollständig. Und genau darin liegt die Möglichkeit des Neuen, des Ereignisses, der Geschichte.
Žižek fügt hinzu: Diese Dreiheit wiederholt sich in der Gegenwartsphilosophie. Deleuze steht für Spinoza – die Eine Substanz als Hintergrund der Vielheit. Derrida steht für Kant – die radikale Andersheit, der Aufschub. Lacan steht für Hegel – der Riss ist in der Mitte der Dinge, nicht an ihrem Rand.
Was bleibt: Spinoza neu lesen
Was nimmt man mit aus diesem dichten philosophischen Essay?
Erstens: Spinoza ist nicht der Philosoph der reinen Bejahung, als den ihn seine Bewunderer feiern. Er ist der Philosoph einer konsequenten, radikalen Positivität – mit allem, was das kostet. Was er nicht denken kann, ist genauso wichtig wie das, was er denkt.
Zweitens: Das Unbehagen, das Žižek in den Spinoza-Kult einträgt, ist kein Angriff auf Spinoza. Es ist eine Einladung, ihn wirklich zu lesen – mit seinen Widersprüchen, seinen blinden Flecken, seinen ungelösten Problemen.
Drittens – und das ist vielleicht Žižeks eigentliche Botschaft: Philosophie beginnt nicht beim Konsens. Sie beginnt beim Unbehagen. Wer Spinoza liebt, ohne zu wissen warum, versteht ihn nicht. Wer ihn liest und unruhig wird, fängt an, ihn zu verstehen.
Wer Spinoza liebt, ohne zu fragen warum, hat ihn noch nicht gelesen.
Grundlage dieses Beitrags: Slavoj Žižek, „Spinoza, Kant, Hegel – and… Badiou!“ – ein philosophischer Essay zur Ideengeschichte des westlichen Denkens von Spinoza bis zur Gegenwart.