„Was hilft bei Versagen trotz guter Vorsätze“ #Spinoza 10″

Versagen trotz guter Vorsätze

Ein 350 Jah­re alter Gedan­ke, der erstaun­lich modern klingt


Der Satz, der erklärt, warum du im entscheidenden Moment versagst – und was dagegen hilft

Du weißt, wie du reagie­ren willst. Du hast es dir vor­ge­nom­men. Beim nächs­ten Mal wirst du ruhig blei­ben, groß­zü­gig den­ken, nicht sofort hoch­ge­hen. Und dann kommt der Moment – und alles ist weg. Die Per­son sagt etwas, die Situa­ti­on eska­liert, der Kör­per schal­tet auf Alarm – und du bist wie­der in dem alten Mus­ter, das du eigent­lich hin­ter dir las­sen wolltest.

Das ist kei­ne Schwä­che des Cha­rak­ters. Das ist Mecha­nik. Und Baruch de Spi­no­za hat die­se Mecha­nik mit einer Prä­zi­si­on beschrie­ben, die einem noch heu­te den Atem ver­schlägt. Der zehn­te Lehr­satz des fünf­ten Teils der Ethi­ca:

„Solan­ge wir nicht von Affek­ten bestürmt wer­den, die unse­rer Natur ent­ge­gen­ge­setzt sind, solan­ge sind wir imstan­de, die Kör­per­af­fek­tio­nen gemäß der Ord­nung im Ver­stan­de zu ord­nen und zu verketten.“

Der Satz klingt nüch­tern. Die Anmer­kung, die Spi­no­za ihm anfügt, ist eines der kon­kre­tes­ten Stü­cke prak­ti­scher Phi­lo­so­phie, das je geschrie­ben wur­de – ein voll­stän­di­ges Trai­nings­pro­gramm für den Geist, in weni­gen Absätzen.


Spinozas Beweis für den 10. Lehrsatz – und was er wirklich bedeutet

Der Beweis ist schlicht: Schlech­te Affek­te sind schäd­lich, weil sie den Geist am Den­ken hin­dern. Solan­ge kein sol­cher Affekt gera­de tobt, ist das Denk­ver­mö­gen frei. Der Geist kann kla­re Ideen bil­den, aus ihnen ablei­ten, Zusam­men­hän­ge sehen – und damit auch die kör­per­li­chen Reak­tio­nen in eine Ord­nung brin­gen, die er selbst bestimmt.

Aber liest man genau, steckt dar­in ein Zeit­pfeil. Der Satz sagt nicht: In der Bedräng­nis kannst du den­ken. Er sagt: Solan­ge du nicht bedrängt wirst. Der ent­schei­den­de Moment ist der, bevor der Affekt kommt. Genau hier – in der Stil­le, vor dem Sturm – liegt das Fens­ter. Wer die­ses Fens­ter nicht nutzt, der hofft dar­auf, dass der Cha­rak­ter in der Kri­se hält, was er in der Ruhe nicht vor­be­rei­tet hat. Genau das tut er meis­tens nicht.


Was Spinoza noch sagt – und wie modern das klingt

Die Anmer­kung zum 10. Lehr­satz beginnt mit dem Bes­ten, was wir tun kön­nen, solan­ge wir kei­ne voll­kom­me­ne Erkennt­nis unse­rer Affek­te haben: uns eine kon­struk­ti­ve Lebens­wei­se aneig­nen, bestimm­te Lebens­grund­sät­ze ins Gedächt­nis ein­prä­gen und bei den oft vor­kom­men­den Her­aus­for­de­run­gen des Lebens auch zuver­läs­sig anwen­den. Damit die Vor­stel­lung davon gelingt – und die Grund­sät­ze uns immer zur Ver­fü­gung stehen.

Das klingt nach Weis­heits­leh­re. Doch es ist Asso­zia­ti­ons­psy­cho­lo­gie – 350 Jah­re vor ihrer Zeit. Was Spi­no­za beschreibt, ist das, was die Kogni­ti­ons­wis­sen­schaft heu­te als „kon­text­ab­hän­gi­ges Erin­nern“ kennt: Eine Über­zeu­gung, die eng mit einer kon­kre­ten Situa­ti­on ver­knüpft ist, taucht in die­ser Situa­ti­on auf. Eine Über­zeu­gung, die nur abs­trakt im Kopf sitzt, ist in der Situa­ti­on nicht ver­füg­bar. Du denkst sie viel­leicht – aber du han­delst nicht danach.

Der Unter­schied zwi­schen dem Wis­sen und dem Han­deln liegt in der Ver­knüp­fung. Und Ver­knüp­fun­gen ent­ste­hen nicht durch Vor­sät­ze. Sie ent­ste­hen durch Übung.


Das Beispiel Kränkung – wie innere Größe uns zur Seite springt

Spi­no­za wird kon­kret. Hass muss durch Lie­be oder inne­re Grö­ße über­wun­den wer­den, nicht durch gegen­sei­ti­gen Hass – das ist einer sei­ner Lebens­grund­sät­ze. Schön. Aber wie macht man, dass die­ser Grund­satz im Moment der Krän­kung auch tat­säch­lich mit Leben gefüllt wer­den kann?

Man denkt ihn vor­her. Oft. Leben­dig. Man erwägt die gewöhn­li­chen Krän­kun­gen des Lebens, stellt sie sich vor – wie sie kom­men, was sie aus­lö­sen, was man spürt. Und dann, in die­ser Vor­stel­lung, ver­knüpft man den Grund­satz: Wie begeg­ne ich dem mit inne­rer Grö­ße oder – wie Spi­no­za sagt: Edel­mut? Was genau tue ich? Was den­ke ich zuerst?

Wenn die­se Ver­knüp­fung oft genug geübt wur­de, taucht der Grund­satz auf, sobald die Krän­kung pas­siert. Nicht als Ent­schei­dung. Als das, was zuerst da ist. Und Spi­no­za fügt noch etwas hin­zu: Man soll dabei auch den eige­nen wah­ren Nut­zen im Blick behal­ten. Das Gute, das aus gegen­sei­ti­ger Freund­schaft und Gemein­schaft ent­steht. Die Tat­sa­che, dass Men­schen wie alles ande­re nach Natur­not­wen­dig­keit han­deln. Je mehr die­ser Gedan­ken beim Vor­be­rei­ten ver­knüpft wer­den, des­to bedeu­tungs­lo­ser wird die Krän­kung in der Vor­stel­lung – und des­to leich­ter ist sie zu über­win­den. Und wenn der Zorn groß ist und nicht leicht weicht, dann weicht er wenigs­tens schnel­ler, als wenn man gar nicht vor­aus­ge­dacht hätte.


Das Beispiel Furcht – Gefahren vorher durchdenken

Das­sel­be gilt für die Furcht. Um See­len­stär­ke zu gewin­nen und die Furcht abzu­le­gen, müs­sen wir uns die gewöhn­li­chen Gefah­ren des Lebens öfters im vor­aus vor Augen hal­ten, also sie uns bild­lich vor­stel­len – und wie sie durch Geis­tes­ge­gen­wart und Tat­kraft am bes­ten ver­mie­den und über­wun­den wer­den können.

Auch das klingt kon­train­tui­tiv. Die meis­ten Men­schen den­ken: Gefah­ren mei­den bedeu­tet, nicht an sie zu den­ken. Spi­no­za dreht das um. Wer die Gefahr nicht vor­her durch­denkt, steht ihr im Moment unvor­be­rei­tet gegen­über. Wer sie vor­her durch­denkt – wirk­lich durch­denkt, mit der Fra­ge: Was tue ich dann? – hat eine Ver­knüp­fung gelegt. Der Affekt trifft nicht mehr auf ein lee­res Feld. Er trifft auf eine vor­be­rei­te­te Ant­wort. In der moder­nen Psy­cho­the­ra­pie nennt man das auch „Pro­be­han­deln“.

Das ist kei­ne Sorg­lo­sig­keit. Das ist vor­be­rei­te­te Gelas­sen­heit. Was die Stoi­ker pre­me­di­ta­tio mal­orum nann­ten, nennt Spi­no­za Ord­nen der Vor­stel­lun­gen. Der Mecha­nis­mus ist der­sel­be – das Ziel auch.


Die Falle des negativen Denkens – Spinozas schärfste Beobachtung

Hier macht Spi­no­za eine Wen­dung, die das gan­ze Pro­gramm erst voll­stän­dig macht. Bei allem Ord­nen der Gedan­ken muss man stets auf das ach­ten, was in jedem Ding gut ist. Damit die See­le vom Posi­ti­ven – nicht von Angst, nicht von Ver­mei­dung – zum Han­deln bestimmt wird.

Das Bei­spiel, das er gibt, lässt einen inne­hal­ten. Wenn jemand merkt, dass er dem Ruhm sehr nach­jagt, soll er über den rich­ti­gen Gebrauch des Ruhms nach­den­ken. Zu wel­chem Ziel er dient. Durch wel­che Mit­tel er erlangt wird. Nicht aber über Miss­brauch und Eitel­keit. Nicht über die Unbe­stän­dig­keit der Menschen.

War­um nicht? Weil die­je­ni­gen, sagt Spi­no­za, die am lau­tes­ten über den Miss­brauch des Ruhms und die Eitel­keit der Welt schrei­en, genau die sind, die den Ruhm am hef­tigs­ten begeh­ren und dar­an ver­zwei­feln, ihn nicht zu bekom­men. Wer sich mit der aus­blei­ben­den Erfül­lung sei­nes Begeh­rens beschäf­tigt, das er nicht los­las­sen kann, quält sich – er wird nicht frei. Er zeigt nur, wie tief er dar­in ver­wi­ckelt ist.

Und das bezieht sich nicht nur auf den Ehr­gei­zi­gen allein. Spi­no­za lis­tet sie alle auf: Der hab­süch­ti­ge Arme, der unauf­hör­lich über den Miss­brauch des Gel­des und die Las­ter der Rei­chen spricht – und damit nur beweist, dass er nicht bloß sei­ne Armut, son­dern auch den Reich­tum ande­rer nur mit Miss­mut erträgt. Die Ver­schmäh­ten, die an nichts ande­res den­ken als an die Unbe­stän­dig­keit und den betrü­ge­ri­schen Sinn der Men­schen – und all das sofort ver­ges­sen, sobald jemand sie wie­der gut aufnimmt.

Das Reden über die Feh­ler des Begehr­ten ist kein Zei­chen von Frei­heit. Es ist der Beweis der Ver­stri­ckung. Wer wirk­lich frei wer­den will, schaut nicht auf die Feh­ler – er schaut auf das Gute. Auf die Tugend und ihre Ursa­chen. Auf die Freu­de, die aus ech­ter Erkennt­nis ent­steht. Nicht auf das, was er nicht bekom­men hat.


Die Methode – in drei Schritten

Was Spi­no­za in sei­ner Aus­le­gung des 10. Lehr­sat­zes beschreibt, lässt sich in drei Schrit­te fassen.

Der ers­te Schritt ist die Fest­le­gung. In der Stil­le – nicht im Sturm – ent­schei­dest du, wie du in bestimm­ten Situa­tio­nen han­deln willst. Nicht vage. Kon­kret. Nicht „ich will gedul­di­ger sein“, son­dern: Wenn ich mir vor­stel­le wie jemand mich angreift, fra­ge ich zuerst, was ihn dazu gebracht hat. Wenn die Angst kommt, ord­ne ich die Situa­ti­on, bevor ich reagiere.

Der zwei­te Schritt ist das Ein­prä­gen. Du denkst die Situa­ti­on wirk­lich durch – leben­dig, mit Details, mit dem kör­per­li­chen Gefühl, das sie aus­löst. Und dann, in die­ser Vor­stel­lung, den Grund­satz: Was tue ich? Du ver­bin­dest bei­des so oft, bis die Ver­bin­dung sitzt. Das ist kein ein­ma­li­ger Ent­schluss. Das ist Wie­der­ho­lung. Das ist Übung.

Der drit­te Schritt kommt fast von selbst, wenn die Vor­ar­beit geleis­tet ist. Der Grund­satz taucht auf, wenn die Situa­ti­on ein­tritt – nicht als Ent­schei­dung, son­dern als das, was zuerst da ist. Nicht weil du dich zusam­men­ge­ris­sen hast. Son­dern weil du die Ver­knüp­fung gelegt hast, als du noch klar den­ken konntest.


Die Kette der Lehrsätze – wo dieser Satz steht

Lehr­satz fünf hat gezeigt: Der Affekt ist dort am stärks­ten, wo das Objekt ohne Ursa­chen vor uns steht. Lehr­satz sechs: Wer Not­wen­dig­keit erkennt, lei­det weni­ger. Lehr­satz sie­ben: Ver­nunft­af­fek­te hal­ten län­ger als Affek­te, die von äuße­rer Anwe­sen­heit leben. Lehr­satz acht: Mehr Ursa­chen machen den Affekt stär­ker. Lehr­satz neun: Ver­tei­lung auf vie­le Ursa­chen min­dert den Schaden.

Lehr­satz zehn zieht die prak­ti­sche Kon­se­quenz aus all dem: Wir kön­nen die­se Mecha­nis­men nut­zen – aber nur, solan­ge wir nicht bedrängt wer­den. Die Arbeit muss vor­her gesche­hen. In der Stil­le. Mit Geduld. Durch gedul­di­ge Wie­der­ho­lung. Durch das Ein­prä­gen von Ver­knüp­fun­gen, die im ent­schei­den­den Moment von selbst ver­füg­bar sind.

Und das Ziel, sagt Spi­no­za am Ende, ist nicht Selbst­be­herr­schung durch Dis­zi­plin. Es ist Han­deln aus Freu­de. Aus der Freu­de an dem, was gut ist. Wer das übt, der wird nach eini­ger Zeit sei­ne Hand­lun­gen meist nach dem Prin­zip der Ver­nunft aus­rich­ten kön­nen. Nicht immer. Nicht voll­kom­men. Aber meis­tens. Und meis­tens reicht das aus, um sich zu weiterzuentwickeln.


Das nächs­te Mal, wenn du dir vor­nimmst, anders zu reagie­ren: Hör nicht beim Vor­satz auf. Stell dir die Situa­ti­on vor. Wirk­lich vor – wie sie aus­sieht, wie sie sich anfühlt, was dann in dir hoch­kommt. Und dann: was du tust. Ver­bin­de bei­des. Und schau dabei auf das, was gut ist – nicht auf das, was du ver­mei­den willst.

Wil­lens­kraft kämpft gegen den Affekt an. Vor­be­rei­tung sorgt dafür, dass der Affekt bereits eine Ant­wort vorfindet.

„Solan­ge wir nicht von Affek­ten bestürmt wer­den, die unse­rer Natur ent­ge­gen­ge­setzt sind, solan­ge sind wir imstan­de, die Kör­per­af­fek­tio­nen gemäß der Ord­nung im Ver­stan­de zu ord­nen und zu verketten.“


Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta, Teil V, Lehr­satz 10 mit Beweis und Anmer­kung. Post­hum ver­öf­fent­licht 1677. Teil V trägt den Titel: „De Poten­tia Intellec­tus, seu de Liber­ta­te Huma­na“ – Über die Macht des Ver­stan­des oder die mensch­li­che Freiheit.

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