Soziale Kontrolle – der Große Andere bei Lacan

Sozia­le Kon­trol­le: die Instanz, die vor­gibt, was etwas bedeu­tet und wie wir uns ver­hal­ten sol­len. Jac­ques Lacan und Baruch de Spi­no­za – zwei Den­ker, eine Fra­ge: Was bewegt uns wirklich?


Die Stimme, die du nicht hörst: die soziale Kontrolle

Du ziehst mor­gens die Klei­dung an, die du anziehst. Du sagst in Gesprä­chen die Din­ge, die du sagst. Du arbei­test so viel, wie du arbei­test. Du schämst dich für das, wofür du dich schämst. Du willst, was du willst.

Alles das fühlt sich selbst­ver­ständ­lich an. Es fühlt sich an wie: du.

Aber woher kom­men die­se Ent­schei­dun­gen wirk­lich? Woher kommt das Gefühl, zu wenig geleis­tet zu haben? Woher die Scham über bestimm­te Gedan­ken? Woher die Über­zeu­gung, was eine gute Mut­ter ist, ein erfolg­rei­cher Mann, ein anstän­di­ger Mensch?

Jac­ques Lacan hat dafür einen Begriff, der auf den ers­ten Blick merk­wür­dig klingt: den „Gro­ßen Ande­ren“. Er meint damit die Instanz, die uns geformt hat – und die wei­ter in uns spricht, ohne dass wir es bemerken.


Was der „Große Andere“ ist

Lacan unter­schei­det den „Klei­nen Ande­ren“ – das sind die kon­kre­ten Men­schen in unse­rem Leben, die Per­so­nen, die wir sehen und mit denen wir reden – vom „Gro­ßen Ande­ren“. Der „Gro­ße Ande­re“ ist kei­ne ein­zel­ne Per­son. Er ist die Ord­nung, in die wir hin­ein­ge­bo­ren wer­den: Spra­che, Nor­men, Wer­te, gesell­schaft­li­che Erwar­tun­gen, kul­tu­rel­le Selbstverständlichkeiten.

Bevor wir spre­chen konn­ten, hat uns die­se Ord­nung bereits geformt. Bevor wir wäh­len konn­ten, hat sie uns gesagt, was wich­tig ist, was beschä­mend, was erstre­bens­wert. Der „Gro­ße Ande­re“ ist das, was eine Gesell­schaft für selbst­ver­ständ­lich hält – und was sie des­halb nicht mehr aus­spricht, weil es so tief sitzt, dass es sich so anfühlt, als sei es unse­re mensch­li­che Natur. Es ist in Wahr­heit sozia­le Kontrolle.

Das bedeu­tet: Das, was du für dei­ne eige­ne Über­zeu­gung hältst, ist oft die Über­zeu­gung des „Gro­ßen Ande­ren“. Das, was du für dei­nen eige­nen Wunsch hältst, ist oft der Wunsch, den der „Gro­ße Ande­re“ von dir erwar­tet. Das, wofür du dich schämst, ist oft das, was der „Gro­ße Ande­re“ als beschä­mend defi­niert hat.

Das ist kei­ne Ver­schwö­rungs­theo­rie. Es ist eine schlich­te Tat­sa­che über das Mensch­sein: Wir kom­men nicht als fer­ti­ge Sub­jek­te auf die Welt. Wir wer­den zu Sub­jek­ten – durch Spra­che, durch Bezie­hun­gen, durch die Ord­nung, die uns umgibt. Der „Gro­ße Ande­re“ ist der Name für das, was dabei auf uns einwirkt.

Baruch de Spi­no­za hat im 17. Jahr­hun­dert etwas sehr Ähn­li­ches beschrie­ben – nur mit ande­ren Wor­ten. Er nennt es den pas­si­ven Affekt: einen Zustand, in dem der Mensch von äuße­ren Kräf­ten bewegt wird, ohne deren Ursa­chen zu ken­nen. Wer nicht sieht, was ihn bewegt, hält das Frem­de für sein Eige­nes. Er han­delt aus Gewohn­heit, aus ein­ge­lern­ten Mus­tern, aus dem, was ihm sei­ne Umge­bung als Natur ver­kauft hat – und nennt es Ent­schei­dung. Der „Gro­ße Ande­re“ bei Lacan und der pas­si­ve Affekt bei Spi­no­za beschrei­ben die­sel­be mensch­li­che Grund­si­tua­ti­on: dass wir geformt wer­den, bevor wir wäh­len können.


Wie der „Große Andere“ spricht – ohne zu sprechen

Das Tücki­sche am „Gro­ßen Ande­ren“ ist sei­ne Unsicht­bar­keit. Er spricht nicht als Stim­me, die sagt: Tu das. Er spricht als das, was sich nor­mal anfühlt, was sich rich­tig anfühlt, was sich wie Wahr­heit anfühlt.

Wenn du nach einem lan­gen Arbeits­tag das Gefühl hast, nicht genug getan zu haben – wer hat ent­schie­den, was genug ist? Wenn du dir wünschst, dün­ner zu sein, rei­cher zu sein, erfolg­rei­cher zu sein – wer hat fest­ge­legt, dass das erstre­bens­wert ist? Wenn du dich schämst für einen Gedan­ken, eine Emo­ti­on, einen Impuls – wer hat bestimmt, dass man dafür Scham emp­fin­den soll?

In den meis­ten Fäl­len: der „Gro­ße Ande­re“. Eine gesell­schaft­li­che Ord­nung, die bestimm­te Kör­per, bestimm­te Leis­tun­gen, bestimm­te Lebens­for­men als nor­mal defi­niert – und alle ande­ren als abwei­chend. Du hast die­se Ord­nung nicht gewählt. Du bist in sie hin­ein­ge­wach­sen. Und jetzt sieht sie aus wie du.

Spi­no­za beschreibt genau die­ses Phä­no­men in sei­ner Affekt­leh­re. Die Scham, schreibt er, ist ein Affekt, der ent­steht, wenn jemand das Bild einer eige­nen Hand­lung in sich trägt, die ande­re miss­bil­li­gen wür­den. Das Ent­schei­den­de dar­an: Die Scham ist nicht ursprüng­lich. Sie setzt vor­aus, dass man den Blick eines ande­ren – oder einer gan­zen Gemein­schaft – bereits in sich auf­ge­nom­men hat. Der „Gro­ße Ande­re“ hat sich als inne­rer Zen­sor ein­ge­nis­tet. Man schämt sich, noch bevor jemand schaut. Noch bevor jemand urteilt. Die Ord­nung hat sich in den eige­nen Kör­per eingeschrieben.


Der „Große Andere“ heute – und warum er lauter geworden ist

Es hat den „Gro­ßen Ande­ren“ immer gege­ben. Jede Gesell­schaft, jede Kul­tur hat ihre eige­ne Ver­si­on davon – ihre eige­nen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, ihre eige­nen unsicht­ba­ren Normen.

Aber es gibt etwas, das sich in den letz­ten Jah­ren ver­än­dert hat. Der „Gro­ße Ande­re“ ist tech­nisch gewor­den. Er hat eine Infra­struk­tur bekommen.

Die Platt­for­men, auf denen wir uns täg­lich bewe­gen, sind kei­ne neu­tra­len Räu­me. Sie beob­ach­ten, was wir anschau­en, was uns hält, was uns bewegt. Sie ler­nen, was wir für wün­schens­wert hal­ten – und spie­len es uns ver­stärkt zurück. Was Mil­lio­nen Men­schen ankli­cken, wird als Maß­stab für alle gesetzt. Was viral geht, defi­niert, was nor­mal ist. Was Likes bekommt, defi­niert, was erstre­bens­wert ist.

Das ist der „Gro­ße Ande­re“ in sei­ner digi­ta­len Form: eine Ord­nung, die nicht mehr nur durch Eltern, Schu­le und Kir­che spricht, son­dern durch Algo­rith­men. Eine Ord­nung, die schnel­ler ist, prä­zi­ser zuge­schnit­ten und schwe­rer zu durch­schau­en ist als je zuvor.

Lacan hat gesagt: Das Begeh­ren des Men­schen ist das Begeh­ren des Ande­ren. Was ich will, kommt nie nur aus mir – es ist immer schon geformt durch das, was mei­ne Umge­bung für wün­schens­wert hält. Digi­ta­le Platt­for­men haben das auf die Spit­ze getrie­ben: Sie ana­ly­sie­ren das kol­lek­ti­ve Begeh­ren in Echt­zeit und spie­len es jedem Ein­zel­nen als sein per­sön­li­ches zurück. Was dir ange­zeigt wird, fühlt sich an wie dein Inter­es­se. Es ist das Inter­es­se des Systems.


Woran man den „Großen Anderen“ erkennt

Es gibt ein paar Signa­le, die dar­auf hin­deu­ten, dass gera­de der „Gro­ße Ande­re“ spricht – und nicht du selbst.

Das stärks­te Signal ist Scham ohne kla­ren Grund. Wenn du dich für etwas schämst und nicht genau weißt, war­um – wenn die Scham sich anfühlt wie eine Tat­sa­che, nicht wie ein Urteil –, dann ist das oft der „Gro­ße Ande­re“ am Werk. Er hat ent­schie­den, dass das beschä­mend ist. Du hast es über­nom­men, ohne es zu wählen.

Ein wei­te­res Signal ist das Gefühl, nie genug zu sein. Nicht schön genug, nicht erfolg­reich genug, nicht pro­duk­tiv genug, nicht ent­spannt genug, nicht prä­sent genug. Die­ses Nie-genug kommt sel­ten aus dir selbst. Es kommt aus einem Maß­stab, den der „Gro­ße Ande­re“ gesetzt hat – und der so hoch ist, dass man ihn grund­sätz­lich nicht errei­chen kann. Was auch der Sinn der Sache ist: Ein Sub­jekt, das sich dau­ernd unge­nü­gend fühlt, ist ein ange­pass­tes und steu­er­ba­res Subjekt.

Ein drit­tes Signal ist die Über­zeu­gung, dass bestimm­te Gefüh­le nicht erlaubt sind. Wut bei Frau­en. Trau­er bei Män­nern. Ehr­geiz bei Men­schen, die beschei­den sein sol­len. Ruhe bei Men­schen, die pro­duk­tiv sein sol­len. Die­se Ver­bo­te kom­men nicht aus der inne­ren Natur des Men­schen – sie kom­men aus der Ord­nung, die bestimm­te Affek­te erlaubt und ande­re nicht.

Spi­no­za spricht in die­sem Zusam­men­hang von der Macht der Gewohn­heit: Affek­te, die oft genug wie­der­holt wur­den, hin­ter­las­sen tie­fe Spu­ren im Kör­per und im Geist. Was der „Gro­ße Ande­re“ früh genug und oft genug ein­ge­übt hat, fühlt sich nicht mehr wie Ein­übung an. Es fühlt sich an wie Cha­rak­ter. Wie Per­sön­lich­keit. Wie: so bin ich eben.


Was das bedeutet – für das eigene Leben

Lacan gibt kei­ne ein­fa­che Ant­wort auf die Fra­ge, wie man sich vom „Gro­ßen Ande­ren“ befreit. Und er wür­de die Fra­ge so nicht stel­len. Denn voll­stän­di­ge Befrei­ung vom „Gro­ßen Ande­ren“ gibt es nicht. Man kommt nicht aus der Spra­che her­aus. Man kommt nicht aus der Gesell­schaft her­aus. Man ist immer schon in einer Ord­nung – und die Ord­nung ist immer schon in einem.

Spi­no­za sieht das anders – und das ist der ent­schei­den­de Unter­schied zwi­schen bei­den Den­kern. Für Spi­no­za gibt es tat­säch­lich einen Weg aus dem pas­si­ven in den akti­ven Affekt. Wer die Ursa­chen ver­steht, die ihn bewe­gen, ver­än­dert die Qua­li­tät die­ser Bewe­gung. Er wird nicht auf­hö­ren, bewegt zu wer­den – das ist mensch­lich und unver­meid­lich. Aber er wird sehend bewegt statt blind. Und das ist Frei­heit, soweit Spi­no­za Frei­heit für mög­lich hält: nicht die Abwe­sen­heit von Ein­flüs­sen, son­dern das Ver­ste­hen ihrer Ursachen.

Lacan ist in die­ser Hin­sicht zurück­hal­ten­der. Er traut dem Ver­ste­hen weni­ger zu. Das Unbe­wuss­te ent­zieht sich. Der „Gro­ße Ande­re“ zieht immer mit. Du kannst dich der sozia­len Kon­trol­le nie ganz ent­zie­hen. Was mög­lich ist: eine ande­re Bezie­hung zu dem, was einen formt. Die Fähig­keit zu fra­gen – nicht als dau­er­haf­te Anspan­nung, son­dern als gele­gent­li­che Hal­tung: Wes­sen Stim­me spre­che ich gera­de? Wes­sen Maß­stab lege ich hier an? Ist das wirk­lich meins – oder ist das die Ord­nung, die ich inter­na­li­siert habe?

Bei­de haben recht – auf ver­schie­de­nen Ebe­nen. Spi­no­za zeigt, was das Ver­ste­hen leis­tet. Lacan zeigt, was es nicht leis­ten kann. Zusam­men geben sie einem ehr­li­che­res Bild: Ja, es ver­än­dert sich etwas, wenn man ver­steht. Nein, man wird dadurch nicht frei von der Ord­nung. Aber man wird frei­er – und das ist kein schlech­tes Ergeb­nis für ein Leben.


Wenn du das nächs­te Mal das Gefühl hast, nicht genug zu sein – hal­te kurz inne. Nicht um es weg­zu­ma­chen. Son­dern um zu fra­gen: Wer hat hier eigent­lich gera­de gespro­chen? Und ist das wirk­lich dei­ne Stimme?

„Das Begeh­ren des Men­schen ist das Begeh­ren des Ande­ren.“ – Jac­ques Lacan


Jac­ques Lacan (1901–1981), Psy­cho­ana­ly­ti­ker. Der Begriff des gro­ßen Ande­ren (grand Aut­re) durch­zieht sein gesam­tes Werk, beson­ders das Semi­nar II (Das Ich in der Theo­rie Freuds, 1954/55) und die Écrits (1966). Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta, Teil III (Affekt­leh­re, pas­si­ver Affekt, Scham) und Teil V (akti­ver Affekt, Erkenntnisarten).

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