Innerer Konflikt – warum sich gegensätzliche Gefühle gleichzeitig zeigen

Baruch de Spi­no­za hat eine logisch auf­ge­bau­te Theo­rie mensch­li­cher Affek­te, des Geis­tes (also des Den­kens), der Kör­per­emp­fin­dun­gen und des dar­aus resul­tie­ren­den Han­delns ent­wi­ckelt. Die­se logisch auf­ge­bau­ten The­sen möch­te ich her­an­zie­hen, um eine bes­se­re Ein­sicht in die eige­ne, see­li­sche Ver­fas­sung bzw. das eige­ne psy­chi­sche Lei­den zu ermöglichen.

Wenn zwei Kräfte in dir kämpfen – Spinoza über innere Konflikte

Es gibt Situa­tio­nen, in denen man genau weiß, was man will – und gleich­zei­tig das Gegen­teil empfindet.

Du möch­test etwas ver­än­dern, und im sel­ben Moment hält dich etwas zurück. Du willst ehr­lich sein, und spürst zugleich den Impuls, dich zu schüt­zen. Du fühlst Nähe – und gleich­zei­tig Distanz.

In sol­chen Momen­ten ent­steht oft der Ein­druck, fest­zu­ste­cken. Als wür­de sich inner­lich nichts bewe­gen, obwohl viel in Bewe­gung ist.


Ein Gedanke von Spinoza

Was hier geschieht, lässt sich über­ra­schend prä­zi­se mit einem Gedan­ken beschrei­ben, den Baruch de Spi­no­za vor über 350 Jah­ren for­mu­liert hat.

„Wenn in dem­sel­ben Sub­jekt zwei ent­ge­gen­ge­setz­te Tätig­kei­ten ange­regt wer­den, so wird not­wen­dig ent­we­der in bei­den oder in einer allein eine Ver­än­de­rung gesche­hen, bis sie auf­hö­ren, ent­ge­gen­ge­setzt zu sein.“

Auf den ers­ten Blick wirkt die­ser Satz abs­trakt. Tat­säch­lich beschreibt er jedoch eine sehr kon­kre­te Erfah­rung: den inne­ren Konflikt.


Was innerlich geschieht

Zwei ent­ge­gen­ge­setz­te Impul­se wir­ken gleich­zei­tig im sel­ben Men­schen. Bei­de sind real, bei­de haben ihre eige­ne Logik, und bei­de ent­fal­ten ihre Wir­kung zur glei­chen Zeit.

Solan­ge die­se Impul­se ein­an­der wider­spre­chen, ent­steht ein Zustand, der sich wie Still­stand anfüh­len kann. Doch die­ser Ein­druck täuscht. Was wie Blo­cka­de erscheint, ist in Wirk­lich­keit ein Prozess.

Die bei­den Ten­den­zen wir­ken wei­ter, ver­än­dern sich, reagie­ren auf­ein­an­der. Manch­mal ver­schiebt sich das Gleich­ge­wicht lang­sam, manch­mal abrupt. In jedem Fall bleibt der Zustand nicht unver­än­dert bestehen.

Spi­no­za beschreibt damit ein grund­le­gen­des Prin­zip: Zwei gegen­sätz­li­che Kräf­te kön­nen nicht dau­er­haft unver­än­dert neben­ein­an­der exis­tie­ren. Der Kon­flikt ist kein End­zu­stand, son­dern eine Übergangsform.


Der Konflikt als innerer Prozess

Was im All­tag oft als per­sön­li­ches Schei­tern erlebt wird – das Gefühl, sich nicht ent­schei­den zu kön­nen, wider­sprüch­lich zu sein oder nicht vor­an­zu­kom­men – lässt sich in die­sem Licht anders verstehen.

Es han­delt sich nicht um einen Man­gel an Klar­heit oder Wil­lens­kraft. Viel­mehr zeigt sich dar­in, dass unter­schied­li­che Impul­se gleich­zei­tig wirk­sam sind, die jeweils aus bestimm­ten Grün­den bestehen.

Der inne­re Kon­flikt ist damit kein Feh­ler im Sys­tem, son­dern Aus­druck eines Zusam­men­hangs, der noch nicht ein­deu­tig gewor­den ist. Das Erle­ben von Still­stand gehört zu die­sem Pro­zess selbst.


Erkenntnis und Veränderung

Spi­no­zas Ansatz besteht dar­in, die­sen Pro­zess nicht von außen steu­ern zu wol­len, son­dern ihn zu ver­ste­hen. Die Ver­än­de­rung ergibt sich nicht durch einen wil­lent­li­chen Ein­griff, son­dern aus der Ein­sicht in die Zusam­men­hän­ge, die in die­sem Kon­flikt wirk­sam sind.

In dem Moment, in dem die wider­sprüch­li­chen Impul­se nicht mehr als unver­ein­bar erlebt wer­den, son­dern als Tei­le eines grö­ße­ren Zusam­men­hangs erkenn­bar wer­den, ver­än­dert sich auch ihre Wirkung.

Das, was zuvor als läh­men­der Gegen­satz erschien, wird zu einem Pro­zess, der sich bewegt und entwickelt.

In die­sem Sin­ne ist das Gefühl, fest­zu­ste­cken, nicht das Ende einer Bewe­gung, son­dern ein Moment inner­halb eines inne­ren Pro­zes­ses, der bereits in Ver­än­de­rung begrif­fen ist.


Baruch de Spi­no­za (1632–1677) ver­öf­fent­lich­te die Ethi­ca post­hum im Jahr 1677. Das hier bespro­che­ne Axi­om steht am Anfang des fünf­ten Teils: „Über die Macht der Erkennt­nis oder die mensch­li­che Freiheit“.

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