„Dilemma – ein moralischer Konflikt“

 Erle­ben ver­ste­hen · Inne­re Konflikte


Die Situation, die kein gutes Ende hat

Du musst eine Ent­schei­dung tref­fen. Aber egal wie du dich ent­schei­dest — irgend­et­was Wich­ti­ges geht ver­lo­ren. Kei­ne der Optio­nen ist gut. Bei­de sind schlecht, auf unter­schied­li­che Wei­se. Und trotz­dem musst du wählen.

Das ist kein all­täg­li­cher Kon­flikt. Das ist ein Dilem­ma. Und wer ein­mal wirk­lich in einem steck­te, weiß: Es fühlt sich anders an als nor­ma­les Ent­schei­den. Schwe­rer. Läh­men­der. Als wür­de man sich selbst ver­ra­ten, egal was man tut.


Was ein Dilemma psychologisch ist

Der Psy­cho­lo­ge Kurt Lewin hat in den 1930er Jah­ren drei Grund­for­men von Kon­flik­ten beschrie­ben, die bis heu­te nichts an Gül­tig­keit ver­lo­ren haben.

Der ein­fachs­te ist der soge­nann­te Annä­he­rungs-Annä­he­rungs­kon­flikt: Zwei attrak­ti­ve Mög­lich­kei­ten, aber man kann nur eine wäh­len. Das ist unan­ge­nehm, aber lös­bar — denn egal wie man sich ent­schei­det, man gewinnt etwas.

Schwie­ri­ger ist der Annä­he­rungs-Ver­mei­dungs­kon­flikt: Etwas zieht mich an und stößt mich gleich­zei­tig ab. Ich will die Bezie­hung — und habe Angst davor. Ich will den Schritt wagen — und fürch­te das Schei­tern. Hier kämp­fen Wunsch und Angst gegeneinander.

Am schwers­ten aber ist der Aver­si­ons-Aver­si­ons­kon­flikt: Bei­de Optio­nen sind unan­ge­nehm. Es gibt kei­nen guten Aus­weg. Man kann nur wäh­len, wel­chen Preis man bereit ist zu zah­len. Das ist das klas­si­sche Dilem­ma — und es erzeugt eine ganz eige­ne psy­chi­sche Belastung.


Was Spinoza dazu sagt

Spi­no­za hat den Aver­si­ons-Aver­si­ons­kon­flikt nicht unter die­sem Namen beschrie­ben — aber er hat den Mecha­nis­mus dahin­ter sehr genau gese­hen. In sei­ner Ethi­ca schreibt er über Situa­tio­nen, in denen zwei ent­ge­gen­ge­setz­te Affek­te gleich­zei­tig auf den Men­schen ein­wir­ken: Der Kör­per wird gleich­zei­tig von zwei Kräf­ten gezo­gen, die sich nicht ver­ein­ba­ren lassen.

Was dabei ent­steht, nennt Spi­no­za Schwan­ken des Gemüts — ein Zustand, in dem der Mensch weder vor­wärts noch zurück kann, weder han­deln noch still­hal­ten. Nicht weil er schwach wäre. Son­dern weil zwei gleich star­ke Kräf­te sich gegen­sei­tig aufheben.

Das Schwan­ken ist für Spi­no­za kein Ver­sa­gen des Wil­lens. Es ist die logi­sche Kon­se­quenz einer Situa­ti­on, in der kei­ne adäqua­te Idee zur Ver­fü­gung steht — kei­ne Erkennt­nis, die einen der bei­den Affek­te auf­lö­sen oder über­wie­gen könn­te. Solan­ge das so ist, bleibt der Mensch zwi­schen den Kräf­ten gefangen.


Das moralische Dilemma — wenn Werte gegeneinander stehen

Eine beson­de­re Form des Aver­si­ons-Aver­si­ons­kon­flikts ist das mora­li­sche Dilem­ma. Hier ste­hen nicht nur Inter­es­sen gegen­ein­an­der — son­dern Wer­te. Und das macht es noch schwerer.

Ein mora­li­sches Dilem­ma ent­steht, wenn zwei Prin­zi­pi­en, die bei­de gel­ten sol­len, in einer kon­kre­ten Situa­ti­on nicht gleich­zei­tig ver­wirk­licht wer­den kön­nen. Frei­heit gegen Sicher­heit. Gerech­tig­keit gegen Mit­ge­fühl. Die eige­ne Über­zeu­gung gegen die Ver­pflich­tung gegen­über anderen.

Der Phi­lo­soph Ber­nard Wil­liams hat beschrie­ben, was in sol­chen Momen­ten pas­siert: Man kann nicht ohne mora­li­schen Rest ent­schei­den. Das bedeu­tet: Egal wel­che Opti­on man wählt, es bleibt etwas zurück — ein Schuld­ge­fühl, ein Ver­lust, eine Ver­pflich­tung, die man nicht ein­ge­löst hat. Nicht weil man falsch gehan­delt hat. Son­dern weil die Situa­ti­on kei­nen Aus­weg ohne Kos­ten zuließ.

Das unter­schei­det das ech­te Dilem­ma vom nor­ma­len Ent­schei­dungs­pro­blem. Beim nor­ma­len Pro­blem gibt es eine rich­ti­ge Ant­wort, die man noch nicht gefun­den hat. Beim Dilem­ma gibt es kei­ne rich­ti­ge Ant­wort — nur ver­schie­de­ne Arten, etwas Wich­ti­ges aufzugeben.


Kognitive Dissonanz — wenn die Entscheidung gefallen ist

Was pas­siert nach der Wahl? Hier kommt ein zwei­ter psy­cho­lo­gi­scher Mecha­nis­mus ins Spiel, den Leon Fest­in­ger 1957 beschrie­ben hat: kogni­ti­ve Dissonanz.

Wenn ich mich ent­schie­den habe — auch unter Zwang, auch im Dilem­ma —, ent­steht in mir eine Span­nung zwi­schen dem, was ich getan habe, und dem, was ich für rich­tig hal­te. Die­se Span­nung ist unan­ge­nehm. Und der Geist tut alles, um sie aufzulösen.

Meis­tens geschieht das, indem man die nicht gewähl­te Opti­on im Nach­hin­ein abwer­tet. Man redet sich ein, dass die ande­re Wahl sowie­so schlech­ter gewe­sen wäre. Man sucht nach Bestä­ti­gung für die eige­ne Ent­schei­dung. Man ver­mei­det Infor­ma­tio­nen, die sie in Fra­ge stel­len könnten.

Das ist kein böser Wil­le. Das ist Selbst­schutz. Spi­no­za wür­de sagen: Das ist ein pas­si­ver Affekt — eine Reak­ti­on, die man nicht wählt, son­dern die einem geschieht. Man glaubt, ratio­nal zu urtei­len — und urteilt in Wirk­lich­keit, um sich selbst zu schützen.


Warum Dilemmata gesellschaftlich so gefährlich sind

Ein Dilem­ma, das ein ein­zel­ner Mensch erlebt, ist schwer genug. Aber wenn eine gan­ze Gesell­schaft in ein Dilem­ma gerät — wenn öffent­li­che Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den müs­sen, bei denen es kei­nen Aus­weg ohne Kos­ten gibt —, ent­steht eine explo­si­ve Dynamik.

Denn dann wer­den Men­schen, die zu ver­schie­de­nen Ent­schei­dun­gen gekom­men sind, nicht mehr als Men­schen mit ande­ren Abwä­gun­gen gese­hen. Sie wer­den als mora­lisch infe­ri­or wahr­ge­nom­men. Als jemand, der das Fal­sche gewählt hat — nicht weil die Situa­ti­on schwie­rig war, son­dern weil er schlecht ist.

Das ist der Moment, den Spi­no­za im Theo­lo­gisch-poli­ti­schen Trak­tat beschrie­ben hat: Wenn Angst und Unsi­cher­heit kol­lek­tiv wer­den, ver­ein­facht sich die Kom­ple­xi­tät des Dilem­mas. Es gibt plötz­lich die Guten und die Bösen. Was dabei ver­lo­ren geht, ist die Aner­ken­nung, dass es kei­ne ein­fa­che Ant­wort gibt.


Die gesellschaftliche Übereinkunft — und was passiert, wenn sie bricht

Spi­no­za hat in sei­ner poli­ti­schen Phi­lo­so­phie einen Gedan­ken ent­wi­ckelt, der für Dilem­ma­ta beson­ders wich­tig ist: Men­schen sind nicht wider­spruchs­freie Wesen. Sie kön­nen nicht immer mora­lisch ein­wand­frei han­deln. Und eine funk­tio­nie­ren­de Gemein­schaft weiß das — und hat Mecha­nis­men ent­wi­ckelt, um damit umzugehen.

Eine die­ser still­schwei­gen­den Über­ein­künf­te ist das, was man als kol­lek­ti­ve Ver­ge­bung im Vor­aus beschrei­ben könn­te: Wir tra­gen die Kos­ten der Feh­ler ande­rer gemein­sam — weil wir wis­sen, dass wir selbst eines Tages auf die­sel­be Bereit­schaft ange­wie­sen sein könnten.

Wenn die­se Über­ein­kunft plötz­lich auf­ge­kün­digt wird — ohne Erklä­rung, ohne öffent­li­che Aus­hand­lung —, ent­steht Ver­wir­rung. Aus Ver­wir­rung ent­steht Angst. Und aus Angst ent­steht die Suche nach Sündenböcken.


Was aus einem Dilemma herausführt

Spi­no­za gibt kei­ne ein­fa­che Ant­wort. Aber er gibt eine Rich­tung: Ver­ste­hen hilft. Wenn du siehst, was in dir vor­geht — wel­che Kräf­te dich zie­hen, wel­che Wer­te gegen­ein­an­der ste­hen, war­um du nach der Ent­schei­dung dei­ne Wahl ver­tei­digst —, dann bist du nicht mehr blind von die­sem Pro­zess gesteuert.

Das gilt für den Ein­zel­nen im per­sön­li­chen Dilem­ma: Die Läh­mung lässt nach, wenn man auf­hört, nach der rich­ti­gen Ant­wort zu suchen, und statt­des­sen fragt: Was sind die Wer­te, die hier gegen­ein­an­der ste­hen? Was bin ich bereit zu opfern — und was nicht?

Und es gilt für Gesell­schaf­ten im kol­lek­ti­ven Dilem­ma: Der Streit lässt nach, wenn man auf­hört, die ande­re Sei­te für böse zu hal­ten, und statt­des­sen fragt: Wel­chen mora­li­schen Rest trägt sie mit ihrer Ent­schei­dung? Das ist kei­ne nai­ve Har­mo­nie. Es ist die Vor­aus­set­zung dafür, dass ein Gespräch über­haupt mög­lich bleibt.


„Das Schwan­ken des Gemüts ist ein Affekt, der aus zwei ent­ge­gen­ge­setz­ten Affek­ten ent­steht. Er ist der Zustand des Men­schen, der noch kei­ne adäqua­te Idee von dem hat, was ihn bewegt.“

— Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca, Teil III (sinn­ge­mäß)


Die­ser Bei­trag ist Teil der Serie „Erle­ben ver­ste­hen“. Psy­cho­lo­gi­sche Grund­la­gen: Kurt Lewin (Kon­flikt­theo­rie), Leon Fest­in­ger (Kogni­ti­ve Dis­so­nanz), Ber­nard Wil­liams (Mora­li­scher Rest). Phi­lo­so­phi­sche Grund­la­ge: Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Ethi­ca sowie Theo­lo­gisch-poli­ti­scher Trak­tat. Blog: blog.beratung-therapie.de

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