Optimismus und die Zukunft

Du weißt, wie du vor zehn Jah­ren warst. Nai­ver, viel­leicht. Weni­ger geer­det. Du hast dich ver­än­dert – das siehst du klar. Aber wenn du in die Zukunft schaust, erwar­test du: kaum noch Ver­än­de­rung. So wie du jetzt bist, wirst du im Wesent­li­chen blei­ben. Das glau­ben die meis­ten Men­schen. Und die meis­ten lie­gen damit falsch.

Die Illusion vom Ende der Geschichte

Eine groß ange­leg­te Stu­die mit fast zwan­zig­tau­send Men­schen hat gezeigt: Egal wie alt jemand ist – zwan­zig oder sech­zig –, er schätzt ein, dass er sich in der Ver­gan­gen­heit stark ver­än­dert hat, in der Zukunft aber kaum noch. Jeder glaubt, er sei jetzt unge­fähr fertig.

Die For­scher nann­ten das die End-of-Histo­ry Illu­si­on – die Illu­si­on vom Ende der Geschich­te. Nicht der Welt­ge­schich­te. Der eigenen.

Das Para­do­xe dar­an: Schau dir einen Fünf­zig­jäh­ri­gen an und frag ihn, wie sehr er sich seit drei­ßig ver­än­dert hat – er wird stau­nen. Frag ihn dann, wie sehr er sich bis sieb­zig noch ver­än­dern wird – er zuckt die Schul­tern. Dabei zei­gen die Daten: Er wird sich genau­so stark ver­än­dern wie vor­her. Er sieht es nur nicht kommen.

Warum wir die Zukunft durch die Gegenwart sehen

Das liegt an einem grund­le­gen­den Mecha­nis­mus: Wir kön­nen uns die Zukunft nur mit dem vor­stel­len, was wir jetzt haben. Unse­re aktu­el­len Wün­sche, Über­zeu­gun­gen, Ängs­te, Vor­lie­ben – das ist das Mate­ri­al, aus dem wir Zukunfts­bil­der bau­en. Aber in zehn Jah­ren haben wir ande­res Mate­ri­al. Und das kön­nen wir jetzt noch nicht kennen.

Dar­aus folgt etwas Merk­wür­di­ges: Wir tref­fen heu­te Ent­schei­dun­gen für ein zukünf­ti­ges Ich, das wir kaum ken­nen. Wir schlie­ßen Ver­trä­ge, wäh­len Beru­fe, gehen Bin­dun­gen ein – und unter­stel­len dabei, dass das Ich von mor­gen die­sel­ben Prio­ri­tä­ten hat wie das Ich von heute.

Manch­mal stimmt das. Oft nicht.

„Wir lei­den nicht an den Din­gen, son­dern an unse­rer Vor­stel­lung von ihnen.“

Baruch de Spi­no­za, Ethik III (sinn­ge­mäß)

Der Optimismus-Bias – eine nützliche Verzerrung

Damit zusam­men hängt etwas, das Psy­cho­lo­gen den Opti­mism Bias nen­nen: die sys­te­ma­ti­sche Ten­denz, posi­ti­ve Ereig­nis­se für wahr­schein­li­cher zu hal­ten – und nega­ti­ve für unwahr­schein­li­cher –, wenn sie das eige­ne Leben betreffen.

Du weißt, dass jede zwei­te Ehe schei­tert. Aber dei­ne wird hal­ten. Du weißt, dass Pro­jek­te län­ger dau­ern als geplant. Aber deins nicht. Du weißt, dass Krank­hei­ten auch jun­ge Men­schen tref­fen. Aber dich eher nicht.

Das ist kei­ne Nai­vi­tät. Es hat einen evo­lu­tio­nä­ren Sinn. Wer bereit ist, das Ver­trau­te zu ver­las­sen und auf etwas Bes­se­res zu hof­fen, über­lebt in unsi­che­ren Zei­ten oft bes­ser als jemand, der alle Risi­ken gleich bewer­tet. Opti­mis­mus ist ein Antrieb. Er moti­viert, Risi­ken ein­zu­ge­hen, die not­wen­dig sind, um zu wachsen.

Aber er hat einen Preis.

Wann der Optimismus täuscht

Der Preis ist, dass wir sys­te­ma­tisch schlech­ter pla­nen. Wir unter­schät­zen, wie lan­ge Din­ge dau­ern. Wir über­schät­zen, wie gut wir uns in Zukunft füh­len wer­den, wenn wir etwas erreicht haben. Wir ver­nach­läs­si­gen Vor­sor­ge, weil nega­ti­ve Sze­na­ri­en sich unwirk­lich anfühlen.

Dazu kommt: Wir sind schlech­te Pro­phe­ten unse­rer eige­nen Gefüh­le. Was mich jetzt ent­zückt, wird mich in zehn Jah­ren viel­leicht gleich­gül­tig las­sen. Was mich heu­te erschreckt, wer­de ich in einem Jahr kaum noch spü­ren. Das haben Stu­di­en immer wie­der gezeigt – wir über­schät­zen sowohl die Inten­si­tät als auch die Dau­er unse­rer zukünf­ti­gen Emotionen.

Unser zukünf­ti­ges Ich ist ein Frem­der. Nicht feind­lich, nicht unbe­dingt freund­lich – ein­fach unbe­kannt. Die meis­ten Ent­schei­dun­gen, die wir für die Zukunft tref­fen, tref­fen wir für jeman­den, den wir noch nicht ken­nen. Das ist kein Feh­ler, den man ver­mei­den kann. Aber es ist ein Umstand, den man ken­nen sollte.

Was Spinoza dazu sagen würde

Spi­no­za hat den frei­en Wil­len abge­lehnt – nicht aus Pes­si­mis­mus, son­dern weil er wuss­te: Wir han­deln aus Ursa­chen, die wir meist nicht ken­nen. Was wir nicht ken­nen, treibt uns. Was wir ken­nen, kön­nen wir zumin­dest ein Stück weit gestalten.

Die Illu­si­on vom Ende der Geschich­te ist genau das: eine Ursa­che, die wir nicht ken­nen. Wir glau­ben, wir sehen klar – dabei sehen wir die Gegen­wart, ver­klei­det als Zukunft. Was uns treibt, ist nicht die Zukunft selbst, son­dern unser Bild davon. Und die­ses Bild ist sys­te­ma­tisch verzerrt.

Das Gegen­mit­tel ist nicht Pes­si­mis­mus. Es ist die Bereit­schaft, das eige­ne Zukunfts­bild zu hin­ter­fra­gen. Nicht um die Hoff­nung los­zu­wer­den – son­dern um ihr ein rea­lis­ti­sches Fun­da­ment zu geben.

„Je mehr der Geist erkennt, des­to bes­ser ver­steht er sei­ne Kraft und die Ord­nung der Natur.“

Baruch de Spi­no­za, Ethik V, Satz 6

Eine einfache Übung

Stell dir vor, wie du in zehn Jah­ren leben wirst. Nicht das Ide­al­bild – son­dern einen ganz nor­ma­len Tag. Was machst du mor­gens? Mit wem sprichst du? Was beschäf­tigt dich?

Und dann: Schreib auf, wel­che drei Annah­men du dabei machst. Wel­che Vor­lie­ben blei­ben, wel­che Prio­ri­tä­ten, wel­che Wer­te. Und frag dich dann ehr­lich: Ist das wirk­lich, wie es sein wird – oder ist das, wie es ist, wenn ich heu­te blei­be, wer ich bin?

Das zukünf­ti­ge Ich ver­dient mehr Neu­gier als wir ihm meis­tens schen­ken. Und mehr Respekt dafür, dass es uns über­ra­schen wird.

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