„Wie uns unsere Wahrnehmung täuscht“

Erle­ben ver­ste­hen · Zwischenmenschliches


Du siehst einen Menschen. Aber du siehst nicht ihn.

Du hast ein Bild von jeman­dem. Es ist klar, es ist fest, es fühlt sich wahr an. Du weißt, wie die­se Per­son ist. Was sie will. Was sie denkt. War­um sie so han­delt wie sie handelt.

Und dann pas­siert etwas, das nicht ins Bild passt. Und du merkst: Das Bild war nicht die Per­son. Das Bild war deins.


Die erste Erkenntnisart — und ihre Grenzen

Spi­no­za unter­schei­det drei Arten zu erken­nen. Die ers­te — und häu­figs­te — nennt er ima­gi­na­tio: Wahr­neh­mung durch Sin­nes­ein­drü­cke, durch Zei­chen, durch das, was ande­re uns erzäh­len. Die­se Art der Erkennt­nis ist schnell, intui­tiv und unvoll­stän­dig. Sie lie­fert Bil­der, kei­ne Ursachen.

Wenn wir einen Men­schen wahr­neh­men, arbei­ten wir fast immer auf die­ser ers­ten Ebe­ne. Das Bild fühlt sich trotz­dem voll­stän­dig an. Das ist das Problem.


Was wir hinzufügen, ohne es zu merken

In jede Wahr­neh­mung eines ande­ren Men­schen fließt etwas ein, das nicht von ihm kommt: unse­re eige­ne Geschich­te, unse­re Erwar­tun­gen, unse­re frü­he­ren Erfah­run­gen mit ähn­li­chen Men­schen, unse­re Ängs­te und Wünsche.

Jemand schweigt. Der eine liest das als Ruhe, der ande­re als Ableh­nung, der drit­te als Über­le­gen­heit. Die­sel­be Ver­hal­tens­wei­se — drei völ­lig ver­schie­de­ne Wahr­neh­mun­gen. Spi­no­za nennt das die Macht der Vor­stel­lung: Wir sehen nicht die Din­ge, son­dern die Wir­kung der Din­ge auf uns.


Was das für Beziehungen bedeutet

Vie­le Kon­flik­te ent­ste­hen nicht zwi­schen zwei Men­schen — son­dern zwi­schen den Bil­dern, die sie von­ein­an­der haben. Man reagiert nicht auf den ande­ren, son­dern auf das, was man für den ande­ren hält.

Das erfor­dert eine Bereit­schaft, die sel­ten ist: zuzu­ge­ben, dass das eige­ne Bild unvoll­stän­dig ist. Dass man nicht weiß, war­um jemand so han­delt wie er han­delt. Die­se Bereit­schaft ist der Beginn des ech­ten Ver­ste­hens — und sie ver­än­dert, wie man Men­schen mit Respekt begegnet.


Die­ser Bei­trag ist Teil der Serie „Erle­ben ver­ste­hen“ — was im Kon­takt mit ande­ren in uns ent­steht und war­um. Blog: blog.beratung-therapie.de

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