Was sind die Voraussetzungen für den Einzelnen, um Widerstand zu leisten? Was Spinoza, Lacan und die Geschichte uns über die Quellen des Widerstands sagen
Inhaltsverzeichnis
- 1 Die Frage, die selten gestellt wird
- 2 Warum der Sog so stark ist – die Diagnose
- 3 Was Widerstand auf der Ebene des Subjekts ermöglicht
- 4 Was Widerstand nicht ist
- 5 Was organisierter Widerstand braucht – und worin er scheitert
- 6 Was bleibt – eine Antwort, die keine einfache ist
- 7 Widerstand gegen die NS‑Diktatur
Die Frage, die selten gestellt wird
Wenn man über kollektiven Wahn nachdenkt, der oft im Faschismus geendet hat, stellt man meistens eine Frage: Wie konnte das passieren? Wie konnte eine ganze Gesellschaft mitlaufen, mitmachen, schweigen – oder sich aktiv an den Hinrichtungen und Ermordungen beteiligen?
Das ist eine wichtige Frage. Aber sie ist nicht die einzige. Denn es gab auch diejenigen, die nicht mitgemacht haben. Die Widerstand geleistet haben. Am Schluss unseres Beitrages findest du eine Übersicht.
Die entscheidende Frage, die wir hier stellen, lautet deswegen: Was hat diese Menschen anders gemacht? Was hatten sie – oder was hatten sie getan –, das ihnen ermöglichte, dem Sog zu widerstehen, dem die Mehrheit nachgab?
Diese Frage ist nicht nur historisch. Sie ist heute so aktuell wie damals.
Warum der Sog so stark ist – die Diagnose
Um die Bedingungen des Widerstands zu verstehen, muss man zunächst verstehen, warum der Sog so stark ist. Warum folgen Menschen kollektivem Wahn – warum übernehmen sie Feindbilder, die sie rational nie akzeptieren würden, warum unterwerfen sie sich Führern, die sie in ruhigeren Zeiten möglicherweise eher durchschauen würden?
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben in ihrer Dialektik der Aufklärung eine Antwort gegeben, die bis heute verstört: Der Faschismus ist nicht das Gegenteil der modernen Gesellschaft – er ist ihr Produkt. Die instrumentelle Vernunft der Moderne, die den Menschen zunehmend als Mittel behandelt, hat das Subjekt seiner inneren Ressourcen beraubt. Was sie nicht befriedigen konnte – das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Bedeutung, nach einem Ort in einer sinnvollen Geschichte – kehrt wieder, als kollektiver Rausch, als Mythos, als Entladung gegen den Feind. Das ist der kollektive Wahn.
Das ängstliche Subjekt sucht Halt. Und der Faschismus bietet Halt an: eine Gemeinschaft, die keine Zweifel kennt. Eine Ordnung, die keine Fragen duldet. Einen Feind, der alle Spannungen erklärt. Einen Führer, der die Verantwortung abnimmt.
Lacan würde das so beschreiben: Das Subjekt ist strukturell gespalten – es trägt einen Mangel in sich, eine Unvollständigkeit, die es nicht auflösen kann. Das ist schmerzhaft. Der kollektive Wahn verspricht, diesen Mangel zu füllen: im Kollektiv aufzugehen, das Ich in der Masse aufzulösen, die Spaltung verschwinden zu lassen. Das Begehren wird auf ein Objekt gelenkt – den Feind, den Führer, das Volk –, das alle Jouissance (Lacans Begriff für eine schmerzhafte Lust) zu verkörpern scheint.
Spinoza hat denselben Mechanismus auf der Ebene des Affekts beschrieben: Wer von Furcht geleitet wird, handelt nicht aus eigenem Verstehen heraus. Er reagiert auf äußere Reize, wird bewegt ohne die Ursachen zu kennen, folgt dem stärksten Affekt. Der passive Affekt macht das Subjekt zur Masse.
Was Widerstand auf der Ebene des Subjekts ermöglicht
Die „Dialektik der Aufklärung“ ist ein zutiefst pessimistisches Buch. Es analysiert, wie Herrschaft entsteht, wie Vernunft sich in ihr Gegenteil verkehrt, wie das Subjekt in der Massengesellschaft verschwindet. Aber es fragt kaum: Wer hat widerstanden? Warum haben manche nicht mitgemacht? Was hat Widerstand möglich gemacht?
Hier liegt die eigentliche Antwort – und sie ist unbequem, weil sie keine einfache Technik anbietet.
Wer den Quellen des Widerstands nachgeht, stößt immer wieder auf dasselbe: Die Menschen, die nicht mitgemacht haben, waren selten die Mutigsten im heroischen Sinne. Sie waren oft die Nachdenklichsten. Die, die innehalten konnten. Die, die sich selbst befragen konnten, bevor sie handelten.
Hannah Arendt hat das in ihrer Analyse des Prozesses gegen Adolf Eichmann auf den Begriff gebracht: Das Böse ist banal, weil es gedankenlos ist. Eichmann hat nicht nachgedacht – er hat funktioniert. Wer denkt, im Sinne von: wer wirklich bei sich selbst innehält und fragt, was hier gerade passiert und was das mit mir macht – der kann nicht einfach mitmachen. Das Denken selbst ist eine Form des Widerstands.
Viktor Frankl hat aus dem Konzentrationslager heraus beschrieben, was Menschen aufrecht hielt. Nicht Stärke, nicht Optimismus – sondern Sinn. Die Fähigkeit, dem eigenen Leiden eine Bedeutung zu geben, die nicht von außen diktiert wurde. Die Fähigkeit, den letzten inneren Raum zu behaupten, den kein äußeres System ganz füllen kann. Das ist spinozanisch in seinem Kern: Der Mensch, der versteht, was ihn bewegt, behält eine Form von Freiheit, die rein äußere Gewalt nicht vollständig beseitigen kann.
Spinoza selbst würde sagen: Der Unterschied zwischen dem mitreißenden und dem widerstehenden Subjekt liegt nicht in Willenskraft oder Mut – er liegt im Verhältnis zu den eigenen Affekten. Wer die Ursachen seiner Angst versteht, ist weniger anfällig für kollektive Angst-Manipulation. Und er wird auch dem kollektiven Wahn nicht unterliegen. Wer weiß, warum er Zustimmung braucht, warum er Zugehörigkeit sucht, warum bestimmte Feindbilder ihn beruhigen – der hat eine Distanz zu diesen Impulsen, die etwas ermöglicht, was Spinoza aktiven Affekt nennt: Handeln aus Verstehen statt aus blinder Reaktion.
Lacan fügt eine entscheidende Ergänzung hinzu: Widerstand setzt voraus, dass das Subjekt seine eigene Gespaltenheit aushalten kann. Wer den Mangel in sich nicht erträgt – wer dringend einen großen Anderen braucht, der Einheit, Klarheit und Vollständigkeit verspricht –, der ist besonders anfällig. Wer gelernt hat, mit der Unvollständigkeit zu leben, wer nicht auf einen Erlöser wartet, der das Ich vom Zweifel befreit – der braucht den kollektiven Wahn weniger. Die Toleranz für Spaltung, für Widerspruch, für das Nicht-Wissen ist eine Schutzfähigkeit.
Was Widerstand nicht ist
Hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig, die oft übersehen wird.
Widerstand ist nicht dasselbe wie Unempfindlichkeit. Die Menschen, die widerstandsfähig waren, haben nicht weniger gefühlt als andere – sie haben oft mehr gefühlt. Bonhoeffer war vor seiner Hinrichtung sicher nicht nur „ruhig und gefasst“, wie es kolportiert wird. Die Mitglieder der Weißen Rose hatten auch Angst. Die Menschen, die Juden versteckten, wussten genau, was auf dem Spiel stand.
Widerstand entsteht nicht daraus, dass man keine Angst hat. Er entsteht daraus, dass man die Angst kennt – und trotzdem aus einem tieferen Antrieb heraus handelt. Spinoza nennt diesen tieferen Antrieb den Conatus: das Streben des Wesens, in seiner eigenen Natur zu verharren, sich zu entfalten, das zu sein, was man wirklich ist. Wenn dieser Antrieb stark genug ist – wenn das Subjekt einen klaren Kern hat, von dem es weiß, was es ist und was es nicht tut –, dann kann er stärker sein als die Angst.
Widerstand ist auch nicht dasselbe wie Einzelkämpfertum. Die meisten Formen des historischen Widerstands waren eingebettet in Beziehungen. In Gemeinschaften. In konkrete menschliche Verbindungen. Die dänische Gesellschaft hat Juden nicht gerettet, weil die Dänen besonders heldenhaft waren – sie haben es getan, weil Juden für sie keine abstrakten Feindbilder waren, sondern konkrete Nachbarn. Der Andere hatte ein Gesicht. Und das macht den entscheidenden Unterschied.
Was organisierter Widerstand braucht – und worin er scheitert
Die schwierigste Frage ist die nach dem kollektiven Widerstand. Denn hier lauert eine Falle, die viele Widerstandsbewegungen in die Irre geführt hat.
Wer gegen kollektiven Wahn kämpft, ist versucht, dieselben Mittel zu benutzen: einen starken Führer, ein klares Feindbild, eine Gemeinschaft, die keine inneren Widersprüche duldet. Die Bewegung, die kämpft wie das, wogegen sie kämpft, reproduziert genau das Problem, das sie lösen will. Sie ist dann nicht Gegenbild des Faschismus – sie ist seine Spiegelung.
Was wäre das wirkliche Gegenbild? Eine Form von Gemeinschaft, die Differenz aushält. Die den Widerspruch nicht als Bedrohung begreift, sondern als Teil ihrer Stärke. Die ihre Mitglieder nicht durch Feindschaft zusammenhält, sondern durch gemeinsames Verstehen und gemeinsame Werte. Die auf Verständigung setzt statt auf Unterwerfung.
Das ist schwer zu organisieren. Es ist langsamer. Es ist weniger spektakulär. Aber es ist das Einzige, das wirklich trägt.
Spinoza hat dafür einen Begriff: die Gemeinschaft der Vernünftigen – Menschen, die durch gemeinsames Verstehen verbunden sind, nicht durch einen gemeinsamen Feind. Das ist keine idealistische Utopie. Es ist eine konkrete politische Praxis: Menschen zusammenbringen nicht durch das, was sie hassen, sondern durch das, was sie sehen und verstehen.
Was bleibt – eine Antwort, die keine einfache ist
Die Frage nach den Bedingungen des Widerstands hat keine einfache Antwort. Es gibt keine Technik, keine Methode, keine Garantie. Was es gibt, sind Voraussetzungen – auf der Ebene des Subjekts und auf der Ebene der Gemeinschaft.
Auf der Ebene des Subjekts: die Fähigkeit innezuhalten. Die eigenen Affekte zu kennen – nicht zu unterdrücken, sondern zu verstehen. Die Spaltung auszuhalten, den Mangel zu ertragen, nicht auf einen Erlöser zu warten. Einen inneren Kern zu haben, der nicht von außen definiert werden kann.
Auf der Ebene der Gemeinschaft: die Fähigkeit, durch Verstehen verbunden zu sein statt durch Feindschaft. Konkrete menschliche Verbindungen zu pflegen, in denen der Andere ein Gesicht hat. Institutionen zu stärken, die Differenz aushalten und Verständigung ermöglichen.
Das ist keine Garantie gegen kollektiven Wahn. Aber es sind die einzigen Mittel, die ihm wirklich etwas entgegensetzen – weil sie an der Wurzel ansetzen: nicht am Symptom, sondern an dem, was das Subjekt anfällig macht.
Adorno und Horkheimer haben die Diagnose gestellt. Spinoza und Lacan zeigen, wo die Antwort liegen könnte. Nicht in der Verneinung der Angst – sondern in einem anderen Verhältnis zu ihr.
Die Frage ist nicht, ob du Angst hast. Die Frage ist, ob du weißt, warum – und ob du aus einem tieferen Ort in dir heraus handeln kannst als aus dieser Angst. Das ist der Ausgangspunkt von allem, was Widerstand heißen kann.
Widerstand gegen die NS‑Diktatur
Der Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur war vielfältig, mutig und oft lebensgefährlich. Er kam aus ganz unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft – von politischen Parteien über Kirchen, Studierende, Militärangehörige bis hin zu einzelnen Menschen, die aus Gewissensgründen handelten. Trotz der massiven Repressionen des Regimes entstanden zahlreiche Netzwerke, die auf ihre Weise versuchten, Unrecht zu benennen, Menschen zu schützen oder Hitler zu stürzen.
Politische Parteien wie die KPD und die SPD organisierten früh geheime Strukturen, verbreiteten illegale Schriften und arbeiteten aus dem Exil weiter. Auch kirchliche Gruppen, etwa die Bekennende Kirche oder einzelne katholische Priester (z.B. Bernhard Lichtenberg oder Clemens August Graf von Galen) , widersetzten sich der Gleichschaltung und halfen Verfolgten.
Zu den bekanntesten zivilen Widerstandsgruppen gehören die Weiße Rose, deren Flugblätter mutig zum Widerstand aufriefen, sowie der Kreisauer Kreis, der Pläne für ein demokratisches Deutschland nach Hitler entwickelte. Netzwerke wie die Rote Kapelle sammelten Informationen, halfen Verfolgten und unterstützten die Alliierten.
Auch im Militär formierte sich Widerstand. Offiziere wie Ludwig Beck, Hans Oster oder Wilhelm Canaris versuchten, Hitlers Kurs zu stoppen. Der bekannteste Umsturzversuch war das Attentat vom 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
Neben diesen Gruppen gab es zahlreiche Einzelpersonen, die aus moralischer Überzeugung handelten – etwa Georg Elser, der 1939 ein Attentat auf Hitler plante, oder Menschen, die Juden versteckten, Informationen weitergaben oder kleine Akte des zivilen Ungehorsams wagten.
Der Widerstand war nie eine einheitliche Bewegung. Doch gemeinsam zeigen diese Menschen und Gruppen, dass selbst in einer totalitären Diktatur Mut, Menschlichkeit und Gewissen ihren Platz behaupten können.
Dieser Beitrag bezieht sich auf: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung (1944). Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem (1963). Viktor Frankl, Trotzdem Ja zum Leben sagen (1946). Baruch de Spinoza (1632–1677), Ethica ordine geometrico demonstrata. Jacques Lacan (1901–1981), Seminare. Die genannten Autoren dienen als Bezugspunkte – im Mittelpunkt stehen Spinoza und Lacan als die philosophischen Grundlagen dieses Blogs.