Vernunft – Spinozas Erkenntnisart 2

Vernunft

Ein 350 Jah­re alter Gedan­ke, der erstaun­lich modern klingt


Der Moment, in dem sich etwas verschiebt

Du bist wütend auf jeman­den. Du weißt genau, was er getan hat. Du weißt, wie es dich getrof­fen hat. Und dann – irgend­wann, viel­leicht Stun­den oder Tage spä­ter – fängst du an zu ver­ste­hen, war­um er so gehan­delt hat. Was zu sei­ner Geschich­te gehört. Was er nicht wuss­te. Was er nicht konnte.

Etwas ver­än­dert sich. Nicht unbe­dingt die Wut. Aber ihr Cha­rak­ter. Sie ver­liert ihre Abso­lut­heit. Sie wird zu einer Wut mit Kon­text – und eine Wut mit Kon­text ist eine, die sich bewe­gen kann.

Das ist kei­ne Schwä­che. Das ist Ver­nunft. Und Ver­nunft ist für Spi­no­za der Name der zwei­ten Erkenntnisart.

„Von der zwei­ten Gat­tung ist das Wis­sen aus gemein­sa­men Begrif­fen und adäqua­ten Ideen der Eigen­schaf­ten der Din­ge, wel­ches ich Ver­nunft und Wis­sen zwei­ter Art nenne.“

– Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca, Teil II, Lehr­satz 40, Anmer­kung 2


Was Vernunft bei Spinoza bedeutet – und was nicht

Wenn Spi­no­za Ver­nunft sagt, meint er nicht Küh­le. Er meint nicht das Unter­drü­cken von Gefüh­len. Er meint nicht das ratio­na­le Durch­rech­nen von Ent­schei­dun­gen im Stil eines Taschenrechners.

Er meint etwas Genaue­res: das Erken­nen von gemein­sa­men Eigen­schaf­ten. Das Sehen des­sen, was Din­gen, Men­schen und Ereig­nis­sen gemein­sam ist – was sie ver­bin­det, was sie trägt, wel­che Geset­ze hin­ter ihren Ober­flä­chen wirken.

Wenn du ver­stehst, dass Men­schen, die unter Druck ste­hen, anders reagie­ren als in Ruhe – das ist Ver­nunft. Wenn du erkennst, dass dein eige­ner Kör­per auf Schlaf­man­gel mit Reiz­bar­keit reagiert und die­ser Zusam­men­hang erklärt, war­um du ges­tern so reagiert hast wie du reagiert hast – das ist Ver­nunft. Wenn du siehst, dass das Ver­hal­ten eines ande­ren Men­schen einer Logik folgt, die du ver­ste­hen kannst, auch wenn du ihr nicht zustimmst – das ist Vernunft.

Ver­nunft bedeu­tet bei Spi­no­za: Du siehst Ursa­chen. Und wer Ursa­chen sieht, urteilt anders. Nicht zwin­gend mil­der. Aber klarer.


Gemeinsame Begriffe – das Herzstück der zweiten Erkenntnisart

Spi­no­za führt für die zwei­te Erkennt­nis­art einen tech­ni­schen Begriff ein: notio­nes com­mu­nes – gemein­sa­me Begrif­fe. Das sind die Ideen, die für alle Kör­per, alle Men­schen, alle Din­ge glei­cher­ma­ßen gel­ten. Die Idee der Kau­sa­li­tät. Die Idee der Bewe­gung. Die Idee, dass nichts ohne Ursa­che entsteht.

Sol­che Ideen sind – und das ist für Spi­no­za ent­schei­dend – adäquat. Das heißt: voll­stän­dig. Wer die Idee der Kau­sa­li­tät wirk­lich denkt, kann sie nicht falsch den­ken. Sie ist ent­we­der gedacht oder nicht gedacht. Aber wenn sie gedacht ist, ist sie rich­tig. Das unter­schei­det sie grund­le­gend von der ers­ten Erkennt­nis­art, die immer unvoll­stän­dig ist.

Das ist der phi­lo­so­phi­sche Kern. Aber was bedeu­tet es im Alltag?

Es bedeu­tet: Wenn du anfängst, nach den Mecha­nis­men zu fra­gen – nach dem War­um hin­ter dem Was –, trittst du in die zwei­te Erkennt­nis­art ein. Du ver­lässt die Ebe­ne der rei­nen Ein­drü­cke und gehst auf die Ebe­ne der Zusammenhänge.


Warum die Vernunft den Affekt verändert

Hier schließt Spi­no­za eine der wich­tigs­ten Beob­ach­tun­gen der gesam­ten Ethi­ca an: Die Affek­te, die aus Ver­nunft ent­ste­hen, bezie­hen sich auf das, was immer und über­all gilt. Auf gemein­sa­me Eigen­schaf­ten, die nicht ver­schwin­den. Auf Geset­ze, die nicht auf­hö­ren zu wirken.

Das hat eine merk­wür­di­ge Kon­se­quenz. Wer aus Ein­sicht her­aus han­delt oder fühlt, wird weni­ger von äuße­ren Ereig­nis­sen hin- und her­ge­wor­fen. Nicht weil er gefühl­los wäre. Son­dern weil sein Bezugs­punkt sta­bi­ler ist.

Ein Affekt, der aus der Wahr­neh­mung kommt, haf­tet an einem bestimm­ten Ding, einer bestimm­ten Per­son, einem bestimm­ten Moment. Das Ding kann weg sein. Die Per­son kann nicht mehr da sein. Der Moment ist vor­bei. Und trotz­dem wirkt der Affekt noch. Er hängt an etwas Abwe­sen­dem fest.

Ein Affekt, der aus dem Ver­ste­hen eines Zusam­men­hangs ent­steht, haf­tet an dem Zusam­men­hang – und Zusam­men­hän­ge blei­ben bestehen, auch wenn die ein­zel­nen Betei­lig­ten ver­schwin­den. Das macht ihn sta­bi­ler. Und sta­bi­ler bedeu­tet: weni­ger anfäl­lig für das nächs­te äuße­re Ereig­nis, das alles in Fra­ge stellt.


Das Sonnenbild – und warum Verstehen nicht heißt: Illusionen loswerden

Spi­no­za hat ein schö­nes Bei­spiel, das zeigt, was Ver­nunft nicht ist. Die Son­ne erscheint uns klein. Wir wis­sen, dass sie rie­sig ist. Aber wir sehen sie trotz­dem als klei­nen Fleck. Das Wis­sen über den wah­ren Abstand besei­tigt nicht die Wahrnehmung.

Ver­nunft bedeu­tet also nicht: Der ers­te Ein­druck ver­schwin­det. Die spon­ta­ne Reak­ti­on hört nicht auf. Der Kör­per reagiert wei­ter­hin. Aber neben die­ser Reak­ti­on – oder nach ihr – steht jetzt etwas, das sie ein­bet­tet. Das erklärt, was sie aus­ge­löst hat. Das den Zusam­men­hang sicht­bar macht.

Das ist ein ande­res Modell als das, was vie­le unter „ratio­na­ler Kon­trol­le“ ver­ste­hen. Nicht: Gefüh­le unter­drü­cken. Nicht: so tun, als wären sie nicht da. Son­dern: neben dem Gefühl auch den Zusam­men­hang sehen. Bei­des gleich­zei­tig hal­ten können.


Die Grenze der Vernunft

Die zwei­te Erkennt­nis­art ist mäch­ti­ger als die ers­te. Aber sie hat eine Gren­ze, die Spi­no­za klar benennt.

Ver­nunft erkennt das All­ge­mei­ne. Sie erkennt Geset­ze, Mus­ter, Zusam­men­hän­ge – das, was vie­le Din­ge gemein­sam haben. Aber sie erkennt nicht das Ein­zel­ne in sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit. Sie sieht, dass Men­schen unter Druck anders reagie­ren. Aber sie sieht nicht, war­um genau die­ser Mensch, in genau die­sem Moment, genau so reagiert hat wie er reagiert hat – nicht nur als Fall eines all­ge­mei­nen Geset­zes, son­dern als die­ser bestimm­te Mensch mit die­ser bestimm­ten Geschichte.

Das Ein­zel­ne, das Kon­kre­te, das Unver­wech­sel­ba­re – das liegt jen­seits der Ver­nunft. Und für die­sen Bereich hat Spi­no­za eine drit­te Erkennt­nis­art beschrie­ben: die intui­ti­ve Erkennt­nis. Dar­um geht es im nächs­ten Beitrag.


Das nächs­te Mal, wenn du über jeman­den urteilst – über einen ande­ren oder über dich selbst –, fra­ge dich: Wel­che Ursa­chen sehe ich? Und wel­che sehe ich noch nicht? Nicht weil Urtei­le ver­bo­ten wären. Son­dern weil Urtei­le mit Ursa­chen­netz ein­fach kla­rer sind.

„Von der zwei­ten Gat­tung ist das Wis­sen aus gemein­sa­men Begrif­fen und adäqua­ten Ideen der Eigen­schaf­ten der Din­ge, wel­ches ich Ver­nunft und Wis­sen zwei­ter Art nen­ne.“
– Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca, Teil II, Lehr­satz 40, Anmer­kung 2


Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta, Teil II, Lehr­satz 40, Anmer­kung 2. Post­hum ver­öf­fent­licht 1677. Die­ser Bei­trag ist der zwei­te von drei Tei­len über Spi­no­zas drei Erkenntnisarten.

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