„Konflikte und Recht haben“

Erle­ben ver­ste­hen · Zwischenmenschliches


Ihr streitet. Und beide haben Recht.

Ein Kon­flikt. Bei­de Sei­ten füh­len sich miss­ver­stan­den. Bei­de haben das Gefühl, die Situa­ti­on klar zu sehen — und den ande­ren nicht zu ver­ste­hen. Bei­de sind über­zeugt, dass sie Recht haben. Und bei­de haben tat­säch­lich Recht — in Bezug auf ihre eige­ne Wahrnehmung.

Das ist kei­ne Aus­re­de. Das ist das eigent­li­che Problem.


Zwei Wahrheiten, die sich nicht vertragen

Spi­no­za beschreibt, wie jeder Mensch die Welt aus sei­ner eige­nen Per­spek­ti­ve wahr­nimmt — durch sei­ne Geschich­te, sei­ne Affek­te, sei­ne Erfah­run­gen. Was er sieht, ist real. Was der ande­re sieht, ist genau­so real. Aber die bei­den Bil­der stim­men nicht überein.

Je mehr der eine sei­ne Wahr­neh­mung erklärt, des­to unver­stan­de­ner fühlt sich der ande­re. Je mehr der ande­re zurückar­gu­men­tiert, des­to mehr bestä­tigt er dem ers­ten, dass er nicht gehört wird. Der Kon­flikt dreht sich — und wird grö­ßer, nicht kleiner.


Warum Eskalation eine eigene Logik hat

Kon­flik­te eska­lie­ren nicht, weil die Betei­lig­ten bös­wil­lig sind. Sie eska­lie­ren, weil die Affek­te eine eige­ne Dyna­mik ent­wi­ckeln. Je ver­letz­ter jemand ist, des­to weni­ger kann er die Per­spek­ti­ve des ande­ren einnehmen.

Spi­no­za nennt das den pas­si­ven Affekt in sei­ner stärks­ten Form: Man sieht nur noch das Objekt — die ande­re Per­son — und nicht mehr die Ket­te der Ursa­chen. In die­sem Zustand ist Ver­ste­hen nicht mög­lich. Nicht weil man es nicht will — son­dern weil der Kör­per gera­de nicht die Mit­tel dafür hat.


Was den Kreis durchbricht

Nicht: mehr erklä­ren. Nicht: lau­ter wer­den. Nicht: bewei­sen, dass man Recht hat.

Was den Kreis durch­bricht, ist das Ver­las­sen der eige­nen Wahr­neh­mung — auch nur für einen Moment. Die Fra­ge: Was sieht der ande­re? Was hat er erlebt, dass er so reagiert? Was braucht er, das er gera­de nicht bekommt?

Spi­no­za wür­de sagen: Das ist der Über­gang von der ers­ten zur zwei­ten Erkennt­nis­art. Vom Sehen des Ver­hal­tens zum Ver­ste­hen der Ursa­chen. Die­ser Über­gang ver­än­dert den Kon­flikt — nicht immer sofort. Aber er ver­än­dert die Qua­li­tät des­sen, was zwi­schen zwei Men­schen mög­lich ist.


Die­ser Bei­trag ist Teil der Serie „Erle­ben ver­ste­hen“ — was im Kon­takt mit ande­ren in uns ent­steht und war­um. Blog: blog.beratung-therapie.de

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