Ein kritischer Blick auf die Philosophie des Baruch de Spinoza

Spinoza Zizek

Ein ein­ge­hen­de Unter­su­chung in fünf Akten – Žižek über Spi­no­za, Kant, Hegel, Lacan und Badiou


Warum alle Spinoza lieben – und warum das verdächtig ist

Es gibt eine unge­schrie­be­ne Regel in der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie: Man muss Spi­no­za lie­ben. Stren­ge Mate­ria­lis­ten lie­ben ihn. Anar­chis­ten lie­ben ihn. Femi­nis­tin­nen lie­ben ihn. Reli­gi­ons­kri­ti­ker lie­ben ihn. Libe­ra­le lie­ben ihn. Der slo­we­ni­sche Phi­lo­soph Sla­voj Žižek beginnt sei­nen Essay mit genau die­ser Beob­ach­tung – und macht sie sofort zum Pro­blem. Ich bezie­he mich hier auf sei­nen Auf­satz „Spi­no­za, Kant, Hegel and… Badiou!“.

Wer von allen geliebt wird, soll­te uns miss­trau­isch machen. Denn Spi­no­za ist eine Figur, die im 17. Jahr­hun­dert von ihrer eige­nen jüdi­schen Gemein­de mit dem schwers­ten Bann belegt wur­de, der damals mög­lich war. Heu­te trägt er den Sta­tus eines phi­lo­so­phi­schen Hei­li­gen. Was sagt das über uns – und über Spinoza?

Žižeks Essay ist kein Hym­nus auf Spi­no­za. Er ist ein „phi­lo­so­phi­sches Ver­hör“. Žižek nimmt Spi­no­za ernst – so ernst, dass er die Gren­zen sei­nes Den­kens sicht­bar macht. Und er tut das durch den Ver­gleich mit Kant, Hegel, Deleu­ze, Lacan und schließ­lich dem zeit­ge­nös­si­schen Phi­lo­so­phen Alain Badiou. Was ent­steht, ist ein phi­lo­so­phi­sches Pan­ora­ma­bild, das drei Jahr­hun­der­te Ideen­ge­schich­te durchläuft.


Spinoza: Der Philosoph ohne Risse

Das Grundproblem: Eine Welt ohne Brüche

Für Žižek ist Spi­no­za der Phi­lo­soph der Sub­stanz – nach Des­car­tes und als kon­se­quen­te Fort­füh­rung sei­nes Ansat­zes. Das klingt abs­trakt, hat aber eine sehr kon­kre­te Fol­ge: In Spi­no­zas Sys­tem gibt es kei­ne ech­ten Brü­che, kei­ne ech­ten Wider­sprü­che, kei­ne inne­re Nega­ti­vi­tät. Alles, was ist, strebt danach, sich zu ent­fal­ten. Alles Schlech­te kommt von außen. Nichts zer­stört sich selbst von innen.

Spi­no­za nennt die­ses Stre­ben Cona­tus – den Selbst­er­hal­tungs­trieb, der allem Leben­di­gen inne­wohnt. Žižek sieht dar­in etwas Groß­ar­ti­ges, aber auch eine blei­ben­de Gren­ze: Spi­no­za bleibt damit dem aris­to­te­li­schen Rah­men des „guten Lebens“ ver­haf­tet. Was er nicht den­ken kann, ist das, was Freud spä­ter den Todes­trieb nen­nen wird – die Idee, dass der Cona­tus auf einem fun­da­men­ta­len Akt der Selbst­sa­bo­ta­ge beruht. Dass wir uns manch­mal nicht trotz, son­dern wegen unse­rer Natur zerstören.

Mit Lacan gesagt: Was Spi­no­za nicht fas­sen kann, ist das Begeh­ren in sei­ner reins­ten Form – ein unbe­ding­ter Antrieb, der sich um das Wohl­be­fin­den des Sub­jekts nicht schert, der jen­seits des Lust­prin­zips operiert.

Die Vielheit (multitudo): Demokratie und Lynchmob kommen aus derselben Quelle

Eines der ein­drucks­volls­ten Kapi­tel in Žižeks Spi­no­za-Lek­tü­re betrifft die poli­ti­sche Phi­lo­so­phie. Spi­no­za hat das Schlimms­te erlebt, was Poli­tik bedeu­ten kann: Er sah, wie ein auf­ge­brach­ter Mob die Brü­der De Witt – sei­ne poli­ti­schen Ver­bün­de­ten – lynch­te. Trotz­dem blieb er bei sei­ner Ana­ly­se der Viel­heit (multi­tu­do) radi­kal nüchtern.

Für Spi­no­za funk­tio­nie­ren Demo­kra­tie und Lynch­mob nach dem­sel­ben Mecha­nis­mus: der Nach­ah­mung von Gefüh­len (imi­ta­tio affec­ti). Begeis­te­rung und Hass brei­ten sich nach den­sel­ben Geset­zen aus. Soli­da­ri­tät und ras­sis­ti­sche Gewalt haben die­sel­be Quel­le. Das ist der tie­fe, oft über­se­he­ne Kern sei­nes poli­ti­schen Denkens.

Žižek ver­gleicht das mit dem popu­lä­ren Kon­zept der Multi­tu­de, wie es Anto­nio Negri und Micha­el Hardt in ihrem Buch Empire fei­ern. Dort gilt die Multi­tu­de als Kraft des Wider­stands, als Quel­le poli­ti­scher Ener­gie. Spi­no­za wäre dem gegen­über skep­tisch gewe­sen: Die Men­ge ist nicht gut oder böse. Sie ist ein Mecha­nis­mus. Der­sel­be Mecha­nis­mus, der Soli­da­ri­tät schafft, schafft auch Gewalt. Wer das ver­gisst, denkt nicht spi­no­zis­tisch – er schwärmt.

Gefühle als unpersönliche Kräfte

Beson­ders modern wirkt Spi­no­zas Kon­zept der Gefühls­über­tra­gung. Gefüh­le gehö­ren nicht einem Sub­jekt, das sie dann an ein ande­res wei­ter­gibt. Sie zir­ku­lie­ren auf einer vor­in­di­vi­du­el­len Ebe­ne – sie sind Inten­si­tä­ten, die nie­man­dem gehö­ren, aber alle bewe­gen. Deleu­ze hat die­sen Gedan­ken spä­ter aus­ge­ar­bei­tet: Gefüh­le sind frei­schwe­ben­de Kräf­te, die unter der Ebe­ne der Inter­sub­jek­ti­vi­tät wirken.

Das ist bemer­kens­wert aktu­ell: Was Spi­no­za beschreibt, ähnelt dem, was Sozi­al­psy­cho­lo­gie, Neu­ro­wis­sen­schaft und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung heu­te empi­risch nach­wei­sen – dass Stim­mun­gen, Ängs­te und Begeis­te­rung sich viral ver­brei­ten, ohne dass ein­zel­ne Per­so­nen bewusst als Sen­der oder Emp­fän­ger agieren.

Der blinde Fleck: Keine Negativität, keine Lücke

Žižeks eigent­li­che Kri­tik an Spi­no­za ist phi­lo­so­phisch tie­fer. Spi­no­za lehnt jede Form von Nega­ti­vi­tät ab. Für ihn ist jede Schwä­che, jede Ein­schrän­kung, jeder Man­gel nur das Ergeb­nis unse­rer begrenz­ten Sicht. Im voll­stän­di­gen Bild der Natur gibt es kei­ne ech­ten Män­gel – nur Unter­schie­de in der Entfaltung.

Was dabei auf der Stre­cke bleibt, so Žižek, ist die sym­bo­li­sche Ord­nung. Denn die sym­bo­li­sche Ord­nung – Spra­che, Recht, Kul­tur – lebt genau davon, dass Abwe­sen­heit eine posi­ti­ve Kraft haben kann. Dass der Hund, der nicht bellt, ein Ereig­nis ist. Dass eine Leer­stel­le Bedeu­tung erzeugt. Dass Ver­bo­te nicht nur Ein­schrän­kun­gen sind, son­dern Begeh­ren erst ermög­li­chen. Spi­no­za kann das nicht denken.

Recht gleich Macht – und sein Preis

Das hat direk­te poli­ti­sche Kon­se­quen­zen. Für Spi­no­za gilt: Recht ist Macht. Wie viel Recht dir zusteht, ent­spricht dei­ner Macht. Das klingt nach moder­nem Prag­ma­tis­mus – ist aber hochproblematisch.

Žižek ver­weist auf eine erschre­cken­de Kon­se­quenz: Auf der letz­ten Sei­te sei­nes Poli­ti­schen Trak­tats benutzt Spi­no­za genau die­ses Argu­ment, um die „natür­li­che Unter­ord­nung“ der Frau­en zu begrün­den. Da Frau­en his­to­risch weni­ger poli­ti­sche Macht aus­ge­übt haben, hät­ten sie auch weni­ger natür­li­che Rech­te. Žižek zitiert das nicht, um bil­lig Punk­te zu sam­meln, son­dern um zu zei­gen: Eine Phi­lo­so­phie ohne nor­ma­ti­ve Dimen­si­on, ohne ein „Du sollst“, kann kei­ne Gerech­tig­keit den­ken – sie kann nur beschrei­ben, was ist.

Ethik ohne Gebot – und ihr Preis

Spi­no­zas berühm­te Bibel­aus­le­gung macht das beson­ders klar. Als Gott Adam sagt, er sol­le nicht vom Baum der Erkennt­nis essen, meint er laut Spi­no­za eigent­lich: Das Essen ist schäd­lich für dich. Nur weil Adam die­se Kau­sa­li­tät nicht ver­stand, deu­te­te er es als Gebot. Wer ver­steht, braucht kei­ne Ver­bo­te. Gebo­te sind die Spra­che der Unwissenden.

Das ist radi­kal kon­se­quent. Aber Žižek zeigt, wel­chen Preis die­se Radi­ka­li­tät hat. Was Spi­no­za aus­schal­tet, ist jene inne­re Stim­me, die uns aus frei­er Ent­schei­dung ver­pflich­tet. Ohne ein „Du sollst“ gibt es kei­ne ech­te mora­li­sche Frei­heit – nur das Erken­nen von Notwendigkeiten.

Žižeks psy­cho­ana­ly­ti­sche Poin­te: Wenn man das Ver­bot durch Auf­klä­rung ersetzt – „Rau­chen gefähr­det dei­ne Gesund­heit“ statt „Rau­chen ist ver­bo­ten“ –, kehrt das Ver­bot als inne­rer Zwang zurück. Das Wis­sen, das befrei­en soll, erzeugt neue Schuld.


Kant: Der Riss in der Wirklichkeit

Genau an dem Punkt, wo Spi­no­za an sei­ne Gren­zen stößt, setzt Kant an. Was Spi­no­za und Kant tei­len: Bei­de leh­nen die Idee ab, dass gute Taten im Jen­seits belohnt wer­den. Tugend hat ihre eige­ne Beloh­nung. Aber Kant geht einen ent­schei­den­den Schritt weiter.

Kants Grund­the­se gegen Spi­no­za: Die voll­stän­di­ge Ord­nung des Seins, in der alles kau­sal ver­bun­den ist und Frei­heit nur eine Illu­si­on wäre, ist uner­träg­lich. Sie wür­de uns zu Mario­net­ten machen. In sei­ner Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft beschreibt Kant, was pas­sie­ren wür­de, wenn wir direk­ten Zugang zur Wirk­lich­keit an sich hät­ten: Wir wür­den aus Angst und Hoff­nung han­deln – nie aus Pflicht. Der mora­li­sche Wert des Han­delns wür­de ver­schwin­den. Alles wäre Mechanismus.

Kant dreht den Spieß um: Der Man­gel, die Ein­schrän­kung unse­rer Erkennt­nis, ist nicht unser Pro­blem – sie ist unse­re Frei­heit. Wir sind frei, weil wir kei­nen direk­ten Zugang zur Wirk­lich­keit an sich haben. Die Bedin­gung der Unmög­lich­keit ist die Bedin­gung der Möglichkeit.

Žižek nennt das Kants tran­szen­den­ta­le Wen­de: Das End­li­che, Begrenz­te ist nicht ein Makel des ansons­ten unend­li­chen Sub­jekts – es ist der posi­ti­ve Grund sei­ner Frei­heit. Nicht trotz unse­rer End­lich­keit sind wir frei, son­dern wegen ihr. Und genau das fehlt bei Spinoza.


Hegel: Der Riss gehört zur Wirklichkeit selbst

Was bringt Hegel zu die­ser Kon­stel­la­ti­on? Žižek nähert sich die­ser Fra­ge über einen über­ra­schen­den Umweg – über Deleu­ze und sei­nen Begriff des Problems.

Für Deleu­ze hat jedes ech­te Pro­blem einen Über­schuss gegen­über sei­nen Lösun­gen. Die Fra­ge ist immer grö­ßer als die Ant­wort. Das klingt anti-hege­lia­nisch – Deleu­ze liest Hegel als den, der alle Lücken füllt und zur voll­stän­di­gen Ver­wirk­li­chung des Begriffs gelangt. Aber Žižek zeigt: Das ist ein Missverständnis.

Hegels eigent­li­che Bewe­gung ist eine ande­re. Er füllt die Lücken nicht aus. Er zeigt, dass die Unvoll­stän­dig­keit nicht in unse­rem Erken­nen liegt – sie liegt in der Wirk­lich­keit selbst. Der Riss, den Kant zwi­schen Erschei­nung und Ding an sich zieht, wird bei Hegel in das Ding an sich selbst hin­ein­ge­tra­gen. Das Abso­lu­te ist unvoll­stän­dig. Das Sein ist nicht ganz.

Hegels berühm­ter Satz, man sol­le das Abso­lu­te nicht nur als Sub­stanz, son­dern auch als Sub­jekt den­ken, bedeu­tet genau das: „Sub­jekt“ ist der Name für den Riss im Gebäu­de des Seins.

Das ist der Schritt von Kant zu Hegel: Kant sagt, das Ding an sich ist uns unzu­gäng­lich, aber es ist voll­stän­dig und geschlos­sen. Hegel sagt: Nein. Die Wirk­lich­keit ist selbst unvoll­stän­dig. Der Abgrund, den wir spü­ren, wenn wir an die Gren­zen unse­res Wis­sens sto­ßen, ist nicht der Abgrund zwi­schen uns und der Wirk­lich­keit – er ist der Abgrund der Wirk­lich­keit selbst.


Badiou und Lacan: Das Ereignis und seine Folgen

Den längs­ten Teil sei­nes Essays wid­met Žižek dem zeit­ge­nös­si­schen Phi­lo­so­phen Alain Badiou – und dem Ver­gleich zwi­schen Badious Theo­rie des Ereig­nis­ses und Jac­ques Lacans Psychoanalyse.

Was ist ein Ereignis?

Für Badiou gibt es Momen­te, die sich nicht auf die bestehen­de Ord­nung zurück­füh­ren las­sen – Momen­te, die etwas radi­kal Neu­es ein­füh­ren. Er nennt das ein Ereig­nis (évé­ne­ment). Sol­che Ereig­nis­se kön­nen in vier Berei­chen auf­tre­ten: Wis­sen­schaft, Kunst, Poli­tik, Lie­be. Ein Ereig­nis ist nicht erklär­bar durch das, was vor­her war. Es bricht die Ord­nung des Seins auf.

Lacan contra Badiou: Sackgasse oder Durchgang?

Hier ent­steht die zen­tra­le Span­nung, die Žižek her­aus­ar­bei­tet. Für Lacan ist die tiefs­te authen­ti­sche Erfah­rung die voll­stän­di­ge Kon­fron­ta­ti­on mit dem Unmög­li­chen, dem Rea­len – einem Kern, der sich der Sym­bo­li­sie­rung wider­setzt. Die­se Begeg­nung kann man aus­hal­ten, aber man kann nicht durch sie hin­durch. Sie ist eine Sack­gas­se, kein Durchgang.

Badiou sieht das anders. Für ihn ist das Wich­ti­ge nicht die erschüt­tern­de Begeg­nung mit dem Rea­len, son­dern was danach kommt: die müh­sa­me, „unrei­ne“ Arbeit der Treue zum Ereig­nis – das Ein­schrei­ben des Neu­en in die Ord­nung des Bestehen­den. Wahr­heit ist immer post-even­tu­ell. Sie kommt nach dem Ereig­nis, als sei­ne Symbolisierung.

Das Kantische Problem bei Badiou

Žižeks tiefs­te Kri­tik an Badiou ist eine Kant-Kri­tik in Ver­klei­dung. Badiou behaup­tet, er sei kein Kan­ti­a­ner. Aber sein Den­ken repro­du­ziert eine kan­ti­sche Struk­tur: Das Ereig­nis steht auf der einen Sei­te. Das Sein auf der ande­ren. Der Über­gang geschieht als ob – man han­delt, als ob die neue Wahr­heit bereits voll­stän­dig ver­wirk­licht wäre, obwohl man weiß, dass sie es nicht ist. Das ist Kants regu­la­ti­ves Ide­al in neu­em Gewand.

Die eigentliche Lösung: Hegelisch und materialistisch

Žižeks eige­ne Posi­ti­on – und das ist der Kern des Essays – lau­tet: Das Unbe­nenn­ba­re ist kei­ne exter­ne Gren­ze. Es ist eine abso­lut inne­re Gren­ze. Es gibt kein Jen­seits des Seins, das sich in das Sein ein­schreibt. Es gibt nur das Sein – aber das Sein schließt sich nie voll­stän­dig. Es ist in sich selbst nicht iden­tisch, nicht ganz.

Das ist der Über­gang von Kant zu Hegel: Nicht der Über­gang von begrenz­ter zu voll­stän­di­ger Erkennt­nis, son­dern der Über­gang, durch den die Gren­ze selbst von außen nach innen wan­dert. Die Lücke ist nicht zwi­schen uns und der Wirk­lich­keit. Die Lücke ist in der Wirklichkeit.


Die große Linie: Spinoza – Kant – Hegel

Am Ende ergibt sich aus Žižeks Essay ein kla­res Bild der phi­lo­so­phi­schen Geschich­te als Dreierschritt:

Spi­no­za denkt eine Welt ohne Ris­se, ohne Nega­ti­vi­tät, ohne sym­bo­li­sche Ord­nung. Das Sein ist voll­stän­dig posi­tiv. Frei­heit ist Erkennt­nis der Not­wen­dig­keit. Ethik ist eine Beschrei­bung von Kräf­ten, kein Gebot. Das ist radi­kal und kon­se­quent – aber es kann kei­ne mora­li­sche Frei­heit den­ken, kei­nen ech­ten Bruch, kein Ereignis.

Kant schlägt zurück: Es gibt einen unüber­brück­ba­ren Riss zwi­schen Erschei­nung und Ding an sich. Genau die­ser Riss ermög­licht Frei­heit. Wir sind frei, weil wir nicht alles wis­sen. Mora­li­sche Gebo­te kom­men aus die­sem Riss. Aber Kant lässt das Ding an sich voll­stän­dig und geschlos­sen – er ver­schiebt Spi­no­zas Pro­blem nur.

Hegel macht den ent­schei­den­den Schritt: Der Riss ist nicht zwi­schen uns und der Wirk­lich­keit. Er ist in der Wirk­lich­keit selbst. Das Sein ist unvoll­stän­dig. Und genau dar­in liegt die Mög­lich­keit des Neu­en, des Ereig­nis­ses, der Geschichte.

Žižek fügt hin­zu: Die­se Drei­heit wie­der­holt sich in der Gegen­warts­phi­lo­so­phie. Deleu­ze steht für Spi­no­za – die Eine Sub­stanz als Hin­ter­grund der Viel­heit. Der­ri­da steht für Kant – die radi­ka­le Anders­heit, der Auf­schub. Lacan steht für Hegel – der Riss ist in der Mit­te der Din­ge, nicht an ihrem Rand.


Was bleibt: Spinoza neu lesen

Was nimmt man mit aus die­sem dich­ten phi­lo­so­phi­schen Essay?

Ers­tens: Spi­no­za ist nicht der Phi­lo­soph der rei­nen Beja­hung, als den ihn sei­ne Bewun­de­rer fei­ern. Er ist der Phi­lo­soph einer kon­se­quen­ten, radi­ka­len Posi­ti­vi­tät – mit allem, was das kos­tet. Was er nicht den­ken kann, ist genau­so wich­tig wie das, was er denkt.

Zwei­tens: Das Unbe­ha­gen, das Žižek in den Spi­no­za-Kult ein­trägt, ist kein Angriff auf Spi­no­za. Es ist eine Ein­la­dung, ihn wirk­lich zu lesen – mit sei­nen Wider­sprü­chen, sei­nen blin­den Fle­cken, sei­nen unge­lös­ten Problemen.

Drit­tens – und das ist viel­leicht Žižeks eigent­li­che Bot­schaft: Phi­lo­so­phie beginnt nicht beim Kon­sens. Sie beginnt beim Unbe­ha­gen. Wer Spi­no­za liebt, ohne zu wis­sen war­um, ver­steht ihn nicht. Wer ihn liest und unru­hig wird, fängt an, ihn zu verstehen.

Wer Spi­no­za liebt, ohne zu fra­gen war­um, hat ihn noch nicht gelesen.


Grund­la­ge die­ses Bei­trags: Sla­voj Žižek, „Spi­no­za, Kant, Hegel – and… Badiou!“ – ein phi­lo­so­phi­scher Essay zur Ideen­ge­schich­te des west­li­chen Den­kens von Spi­no­za bis zur Gegenwart.

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