Wer dem Fremden begegnet, spürt zwei Ängste gleichzeitig – auch wenn er nur eine davon wahrnimmt.
Die erste ist die Angst vor dem Fremden selbst: vor dem Unbekannten, dem Unkontrollierbaren, dem, was sich meinen Kategorien entzieht. Diese Angst ist verständlich. Das Unbekannte ist schwerer einzuschätzen. Das Gehirn reagiert auf Unsicherheit mit Vorsicht – das ist biologisch sinnvoll.
Inhaltsverzeichnis
Der Fremde als Spiegel
Es gibt Menschen, die uns unangenehm sind – ohne dass wir genau sagen könnten warum. Jemand, der anders lebt. Anders denkt. Anders aussieht. Anders fühlt. Irgendetwas an dieser Person reibt sich an uns, und wir nennen das Unbehagen, Abneigung, manchmal sogar Feindseligkeit.
Aber was, wenn dieses Unbehagen gar nicht primär mit dem anderen Menschen zu tun hat? Was, wenn der Fremde vor allem deshalb Angst macht, weil er etwas in uns berührt, das wir lieber nicht berühren lassen?
„Es ist nur so, wenn Menschen sich weigern, das Ungewöhnliche in manchen Personen anzuerkennen, dass falsche Vorstellungen genährt werden und ihre Gefühle verletzt wurden.“ – Herman Melville, Pierre oder die Doppeldeutigkeiten
Melville hat das im 19. Jahrhundert gesehen. Spinoza hat es im 17. Jahrhundert beschrieben. Und in der Praxis begegnet es einem täglich: Die Angst vor dem Fremden ist fast immer auch eine Angst vor sich selbst.
Die doppelte Angst
Di erste Angst war die zunächst biologisch sinnvolle – wie oben beschrieben.
Die zweite Angst ist tiefer und unangenehmer: die Angst, durch den Anderen mit der eigenen Gewöhnlichkeit konfrontiert zu werden. Der Fremde, der außergewöhnlich lebt, der Grenzen überschreitet, der anders ist – er macht sichtbar, was ich vielleicht selbst hätte sein können oder wollen. Und das ist schwerer zu ertragen als die bloße Andersartigkeit.
Spinoza nennt das einen passiven Affekt: ein Zustand, in dem wir von etwas bewegt werden, das wir nicht verstehen. Und was wir nicht verstehen, macht uns kleiner – weil es uns treibt, ohne dass wir es merken.
„Die Angst ist ein Schmerz, der aus der Vorstellung eines zukünftigen oder vergangenen Übels entsteht.“
Baruch de Spinoza, Ethik III (sinngemäß)
Abstoßung und Sehnsucht – gleichzeitig
Das eigentlich Paradoxe an dieser Angst: Sie kommt selten allein. Fast immer steckt in der Abstoßung auch eine Anziehung.
Der Mensch, den wir ablehnen, ist oft auch derjenige, von dem wir heimlich gesehen werden wollen. Der uns rettet vor dem, was wir an uns selbst fürchten: die Enge, die Gewöhnlichkeit, die unerfüllten Möglichkeiten. Der Fremde repräsentiert etwas, das wir begehren – und genau deshalb macht er uns Angst.
Diese Ambivalenz ist unerträglich. Gleichzeitig angezogen und abgestoßen zu sein, kostet enorme innere Energie. Und der häufigste Ausweg ist nicht, die Spannung auszuhalten – sondern sie aufzulösen, indem man eine Seite verstärkt und die andere unterdrückt.
Man verstärkt die Ablehnung. Man gibt der Abstoßung nach. Man macht aus dem Fremden einen Feind.
Wut als Rüstung
Was dann entsteht, ist keine echte Überlegenheit – sondern ihr Abbild. Wut legt sich wie eine Rüstung über die Angst. Sie schützt davor, die eigene Verletzlichkeit zu spüren. Sie gibt das Gefühl von Stärke, wo eigentlich Unsicherheit ist.
Spinoza hat diese Dynamik präzise beschrieben: Wut, die aus Kränkung entsteht, ist ein passiver Affekt – sie passiert uns, sie treibt uns, wir verstehen sie nicht wirklich. Und was wir nicht verstehen, können wir nicht steuern.
Gefährlich wird es, wenn diese individuelle Wut auf eine Gruppe trifft, die ähnliche Ängste teilt. Plötzlich ist die eigene Angst gesellschaftlich legitimiert. Der Fremde wird nicht mehr als Person gesehen – sondern als Symbol für alles, was bedrohlich, fremd, unkontrollierbar erscheint. Empathie hört auf. Der Wunsch zur Vernichtung des Fremden kann entstehen.
Das ist keine abstrakte Beobachtung über „die anderen“. Jedem Menschen kann das passieren – in kleinen wie in großen Maßstäben. Wenn eigene Gefühle verletzt wurden, zahlt man Gleiches mit Gleichem heim. Wer das nicht durchschaut, wiederholt den Kreislauf. Wer es durchschaut, hat zumindest die Möglichkeit, ihn zu unterbrechen.
Der Kreislauf der Kränkung
Melville lässt Isabel sagen: Wenn Gefühle verletzt wurden, werden falsche Vorstellungen genährt. Das ist keine literarische Übertreibung – das ist eine psychologische Beobachtung von großer Präzision.
Wer gekränkt wurde, sieht die Welt durch die Linse dieser Kränkung. Was andere tun, wird mit Argwohn gelesen. Absichten werden unterstellt. Der Fremde, der einfach nur anders ist, wird zur Bestätigung des eigenen Verdachts.
Und wer aus dieser Kränkung heraus handelt – wer ablehnt, angreift, verletzt –, der kränkt wiederum andere. Die anderen tragen das weiter. Der Kreislauf schreibt sich selbst fort.
Spinoza würde sagen: Das ist die Knechtschaft passiver Affekte. Nicht böser Wille, nicht schlechter Charakter. Sondern das Getriebensein von Zuständen, die man nicht versteht – und deshalb nicht steuern kann.
„Haß wird durch Gegenhaß gemehrt und kann dagegen durch Liebe getilgt werden.“
Baruch de Spinoza, Ethik IV, Satz 46
Was Erkenntnis hier bedeutet
Der Ausweg ist bei Spinoza nicht Sentimentalität – keine naive Forderung nach Nächstenliebe oder Toleranz als Pflicht. Es ist Erkenntnis.
Wer versteht, warum ihn der Fremde bedroht – wer die eigene Angst benennen kann, die eigene Sehnsucht dahinter sieht, die Ambivalenz aushält –, der muss ihr nicht mehr ausweichen. Er muss nicht angreifen, um sich zu schützen. Er muss den anderen nicht verkleinern, um sich selbst groß zu fühlen.
Das klingt einfach. Es ist eine der schwersten Bewegungen, die ein Mensch vollziehen kann. Denn sie verlangt, hinzuschauen – auf die eigene Angst, auf die eigene Gewöhnlichkeit, auf die eigenen unerfüllten Möglichkeiten. Und das ist das Letzte, wohin man schauen will, wenn man Angst hat.
Aber wer es schafft, sieht den Fremden plötzlich anders. Nicht als Bedrohung. Sondern als jemanden, der ebenfalls Angst hat, ebenfalls gesehen werden will, ebenfalls in seinem eigenen Kreislauf steckt.
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* Herman Melville, „Pierre: or, The Ambiguities“, 1852: S. 202