Der Begriff Signifikant – Was der Sprache ihre Bedeutung verleiht

Jac­ques Lacans Begriff des Signi­fi­kan­ten – und was er mit Spi­no­zas Asso­zia­ti­ons­ket­ten zu tun hat


Das Wort, das mehr auslöst als es bedeutet

Jemand sagt das Wort „Ver­sa­ger“. Oder „du bist wie dein Vater“. Oder sagt gar nichts – und genau die­ses Schwei­gen löst in dir etwas aus. Eine Reak­ti­on, die unver­hält­nis­mä­ßig stark ist. Die nicht nur auf das Wort reagiert, das gesagt wur­de, son­dern auf alles, was die­ses Wort in dir trägt.

Das ist kein Zufall. Das ist Spra­che – wie sie wirk­lich funk­tio­niert. Nicht als neu­tra­les Über­mitt­lungs­sys­tem für Infor­ma­tio­nen. Son­dern als etwas, das tief in die Geschich­te eines Men­schen ein­ge­bet­tet ist und von dort aus wirkt.

Jac­ques Lacan hat dafür einen Begriff ent­wi­ckelt, der auf den ers­ten Blick tech­nisch klingt und bei genaue­rem Hin­se­hen das All­tags­le­ben prä­zi­se beschreibt: den Signi­fi­kan­ten.


Was ein Signifikant ist – und was nicht

Lacan über­nimmt den Begriff vom Schwei­zer Lin­gu­is­ten Fer­di­nand de Sauss­u­re, aber er dreht ihn auf den Kopf. Bei Sauss­u­re besteht ein sprach­li­ches Zei­chen aus zwei Sei­ten: dem Signi­fi­kan­ten – dem Laut­bild, dem Klang des Wor­tes – und dem Signi­fi­kat – der Bedeu­tung, dem Begriff. Bei­de gehö­ren zusam­men, wie zwei Sei­ten eines Blat­tes Papier.

Lacan trennt sie. Für ihn glei­tet der Signi­fi­kant über das Signi­fi­kat hin­weg, ohne jemals fest dar­an zu haf­ten. Ein Wort hat kei­ne fes­te Bedeu­tung. Es hat Bedeu­tun­gen – im Plu­ral, kon­text­ab­hän­gig, his­to­risch geformt, kör­per­lich ver­an­kert. Und die­se Bedeu­tun­gen ver­schie­ben sich ständig.

Was ein Wort in dir aus­löst, hängt nicht davon ab, was das Wort im Wör­ter­buch bedeu­tet. Es hängt davon ab, in wel­chem Zusam­men­hang du die­sem Wort zum ers­ten Mal begeg­net bist. Was dabei gefühlt wur­de. Wer es gesagt hat. Was danach pas­siert ist. Das Wort trägt all das in sich – und löst all das aus, wenn es wie­der auftaucht.


Spinozas Assoziationsketten – 300 Jahre früher

Baruch de Spi­no­za hat im zwei­ten Teil der Ethi­ca beschrie­ben, wie der Geist Din­ge ver­knüpft, die gleich­zei­tig auf­ge­tre­ten sind. Lehr­satz 18 lau­tet im Kern:

Wenn der mensch­li­che Kör­per ein­mal von zwei Din­gen gleich­zei­tig bewegt wur­de, wird die spä­te­re Wahr­neh­mung des einen die Erin­ne­rung an das ande­re wachrufen.

Das ist genau der Mecha­nis­mus, den Lacan auf die Spra­che anwen­det. Ein Wort – ein Signi­fi­kant – ist für Spi­no­za ein Kör­per­ein­druck wie jeder ande­re: ein Laut­bild, das den Kör­per bewegt. Und wie jeder Kör­per­ein­druck ver­knüpft es sich mit dem, was gleich­zei­tig prä­sent war. Dem Gefühl, dem Kon­text, dem Men­schen, der gespro­chen hat.

Der Unter­schied liegt in der Radi­ka­li­tät von Lacans Schluss: Wäh­rend Spi­no­za die Asso­zia­ti­ons­ket­ten als Teil eines brei­te­ren Sys­tems von Kör­per und Geist beschreibt, macht Lacan die Spra­che selbst zum zen­tra­len Ort des Unbe­wuss­ten. Sein berühm­ter Satz lau­tet: Das Unbe­wuss­te ist struk­tu­riert wie eine Spra­che. Gemeint ist: Das Unbe­wuss­te funk­tio­niert nach den­sel­ben Geset­zen wie Spra­che – nach Ver­schie­bung und Ver­dich­tung, nach Ket­ten von Signi­fi­kan­ten, die auf­ein­an­der ver­wei­sen, ohne je bei einer fes­ten Bedeu­tung anzukommen.


Die Kette der Signifikanten

Signi­fi­kan­ten ste­hen nicht allein. Sie bil­den Ket­ten. Ein Wort ver­weist auf ein ande­res, das auf ein drit­tes ver­weist – und so wei­ter. Bedeu­tung ent­steht nicht in einem ein­zel­nen Wort, son­dern in der Bewe­gung durch die­se Kette.

Das erklärt, war­um ein Trig­ger – ein ein­zel­nes Wort, ein bestimm­ter Ton, eine Ges­te – so viel mehr aus­lö­sen kann als das, was auf der Ober­flä­che sicht­bar ist. Es akti­viert nicht nur sich selbst. Es akti­viert eine gan­ze Ket­te von Signi­fi­kan­ten, die damit ver­knüpft sind. Jedes Glied der Ket­te trägt sei­ne eige­ne affek­ti­ve Last.

Wenn jemand in einem bestimm­ten Ton­fall „Komm mal her“ sagt – und die­ser Ton­fall mit einer Kind­heits­er­fah­rung ver­knüpft ist, in der Kon­trol­le, Bestra­fung oder Ernied­ri­gung folg­te –, dann wird nicht nur die­ser Satz gehört. Es wird die gesam­te Ket­te akti­viert: Kon­trol­le, Hilf­lo­sig­keit, Aus­ge­lie­fert­sein, viel­leicht Scham oder Wut. All das in einem Bruch­teil einer Sekun­de, bevor der Ver­stand auch nur reagie­ren konnte.

Das ist kein patho­lo­gi­scher Vor­gang. Das ist Spra­che. Für jeden Men­schen. Die Fra­ge ist nur, wel­che Ket­ten sich gebil­det haben – und ob man sie kennt.


Der Meistersignifikant – was uns definiert, ohne dass wir es wissen

Lacan führt noch eine wei­te­re Unter­schei­dung ein, die beson­ders auf­schluss­reich ist: den Meis­ter­si­gni­fi­kan­ten (S1). Das ist ein Signi­fi­kant, der eine beson­de­re Stel­lung in der eige­nen Geschich­te ein­nimmt – ein Wort, ein Begriff, eine Zuschrei­bung, die früh genug und stark genug war, um zu einer Art Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip des eige­nen Selbst­ver­ständ­nis­ses zu werden.

„Du bist der Schwie­ri­ge.“ „Du bist sen­si­bel.“ „Du bist nicht so klug wie dein Bru­der.“ „Du bist die Star­ke.“ Die­se Sät­ze – oder die Erfah­run­gen, die hin­ter ihnen ste­hen – kön­nen zu Meis­ter­si­gni­fi­kan­ten wer­den. Sie defi­nie­ren nicht nur, wie man von ande­ren gese­hen wur­de. Sie defi­nie­ren, wie man sich selbst sieht, was man erwar­tet, wie man sich in Bezie­hun­gen verhält.

Das Tücki­sche: Man weiß meis­tens nicht, wel­che Signi­fi­kan­ten die­se Funk­ti­on über­nom­men haben. Sie wir­ken im Hin­ter­grund. Man lebt nach ihnen, ohne sie zu ken­nen. Man wählt Situa­tio­nen, die sie bestä­ti­gen. Man reagiert auf Wor­te und Ges­ten, die sie berüh­ren – und wun­dert sich über die eige­ne Reaktion.


Sprache formt, was erlebt werden kann

Hier liegt einer der tiefs­ten Punk­te bei Lacan, der auch über den Ver­gleich mit Spi­no­za hin­aus­geht. Für Lacan ist Spra­che nicht nur ein Mit­tel, um Erfah­run­gen zu beschrei­ben. Spra­che formt, was über­haupt erlebt wer­den kann.

Wer kein Wort für einen Zustand hat, erlebt ihn anders als jemand, der ihn benen­nen kann. Wer gelernt hat, einen bestimm­ten inne­ren Zustand als „Schwä­che“ zu bezeich­nen, erlebt ihn anders als jemand, der ihn als „Erschöp­fung nach zu viel Geben“ ver­steht. Die Signi­fi­kan­ten, die uns zur Ver­fü­gung ste­hen, sind nicht neu­tral. Sie orga­ni­sie­ren das Erleben.

Spi­no­za wür­de sagen: Die Idee, die wir von einem Affekt haben, bestimmt, wie er uns bewegt. Lacan fügt hin­zu: Die­se Idee ist sprach­lich geformt – durch die Signi­fi­kan­ten, die uns gege­ben wur­den, lan­ge bevor wir selbst wäh­len konn­ten, wel­che Wor­te uns passen.


Was das bedeutet – für das Verstehen sich selbst

Wer ver­ste­hen will, war­um er so reagiert, wie er reagiert – war­um bestimm­te Wor­te, bestimm­te Situa­tio­nen, bestimm­te Men­schen ihn so berüh­ren –, der muss irgend­wann auf die Signi­fi­kan­ten sto­ßen, die sei­ne Geschich­te organisieren.

Das ist kein intel­lek­tu­el­ler Pro­zess. Man kann sich nicht den­ken „Ah, die­ses Wort ist mein Meis­ter­si­gni­fi­kant“ – und damit ist es erle­digt. Der Signi­fi­kant sitzt tie­fer. Er sitzt im Kör­per, in den auto­ma­ti­schen Reak­tio­nen, in dem, was sich wie Wahr­heit anfühlt.

Aber das Wis­sen, dass Wor­te Ket­ten bil­den, dass Reak­tio­nen auf Spra­che immer auch Reak­tio­nen auf Geschich­te sind, dass die Bedeu­tung eines Wor­tes nie nur die Wör­ter­buch-Bedeu­tung ist – die­ses Wis­sen ver­än­dert etwas. Es schafft einen Abstand, klein – aber real. Den Abstand zwi­schen dem Wort und der Reak­ti­on dar­auf. Den Raum, in dem man fra­gen kann: Was höre ich da wirk­lich? Und was ant­wor­tet da in mir?

Das ist, was Lacan Ana­ly­se nennt. Und es ist, was Spi­no­za Erkennt­nis nennt. Bei­de mei­nen damit nicht das glei­che. Aber bei­de mei­nen: dass das Sehen der Ket­te etwas ver­än­dert an der Macht, die sie hat.


Wenn dich das nächs­te Mal ein Wort unver­hält­nis­mä­ßig stark trifft: Frag nicht zuerst, ob die ande­re Per­son Recht hat­te. Frag zuerst, was die­ses Wort in dir trägt – und seit wann.

„Das Unbe­wuss­te ist struk­tu­riert wie eine Spra­che.“ – Jac­ques Lacan


Jac­ques Lacan (1901–1981), Psy­cho­ana­ly­ti­ker. Der Begriff des Signi­fi­kan­ten durch­zieht sein gesam­tes Werk; zen­tral behan­delt im Semi­nar III (Die Psy­cho­sen, 1955/56) und in den Écrits (1966). Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta, Teil II, Lehr­satz 18 (Asso­zia­ti­ons­psy­cho­lo­gie).

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