Das Selbst als Prozess

„Bleib du selbst.“ Die­ser Satz klingt so ein­fach, als wäre er kaum der Rede wert. Dabei steckt dar­in eine der schwie­rigs­ten Fra­gen, die man sich stel­len kann: Was ist die­ses Selbst eigent­lich, das ich sein soll?

Was das Selbst nicht ist

Es ist manch­mal ein­fa­cher, mit dem anzu­fan­gen, was eine Sache nicht ist. Das Selbst ist kein Ding. Es ist kein fes­ter Kern, der irgend­wo tief in uns war­tet, bis wir ihn end­lich fin­den. Es ist nichts, das wir besit­zen oder ver­lie­ren kön­nen wie einen Schlüssel.

Das klingt unbe­frie­di­gend. Wir sind es gewohnt, Begrif­fe zu ver­ding­li­chen – Selbst­be­wusst­sein, Selbst­ver­wirk­li­chung, Selbst­wert. Alles klingt so, als gäbe es dort drin­nen etwas Greif­ba­res. Aber genau das ist die Fal­le. Wer das Selbst wie ein Objekt behan­delt, wird es nie wirk­lich verstehen.

Spi­no­za hat die­sen Gedan­ken auf sei­ne Wei­se for­mu­liert: Er sprach nicht vom Selbst als Sub­stanz, son­dern vom Cona­tus – dem Stre­ben jedes Wesens, in sei­ner eige­nen Natur zu behar­ren und sich zu ent­fal­ten. Das Selbst ist nicht etwas, das du hast. Es ist das, was du tust – in jedem Moment, in jedem Kon­takt mit der Welt.

„Jedes Ding trach­tet, soviel an ihm liegt, in sei­nem Sein zu beharren.“

Baruch de Spi­no­za, Ethik III, Satz 6

Das Selbst als System – nicht als Kern

Was ist das Selbst dann? Ich schla­ge vor, es als ein Sys­tem zu ver­ste­hen – ein Sys­tem, das uns ermög­licht, mit der Welt in Kon­takt zu treten.

Im Wach­zu­stand neh­men wir unun­ter­bro­chen wahr, bewer­ten, ent­schei­den. Was ist wich­tig, was weni­ger? Was wol­len wir, was leh­nen wir ab? Jede die­ser Hand­lun­gen – auch die kleins­te – sagt etwas über uns aus. Sie geschieht vor einem Hin­ter­grund von Bedürf­nis­sen, Bedeu­tun­gen, auch unse­rer Geschich­te. Der Hun­ger, der zum Apfel greift. Die Sehn­sucht, die zum Tele­fon greift. Immer steckt dahin­ter etwas, das über die blo­ße Hand­lung hinausgeht.

Die­ses Netz aus Wahr­neh­mun­gen, Bewer­tun­gen und Hand­lun­gen – orga­ni­siert durch einen bestimm­ten Bedeu­tungs­hin­ter­grund, der sich stän­dig ver­än­dert – das ist das Selbst. Nicht ein fixer Punkt, son­dern ein leben­di­ger Prozess.

Sechs Gesichter des Selbst

Wenn man über das Selbst nach­denkt, hel­fen Unter­schei­dun­gen. Nicht als star­re Kate­go­rien, son­dern als Beschrei­bun­gen des­sen, was in der Pra­xis zu beob­ach­ten ist.

Das Selbstkonzept

Wer Ideen dar­über ent­wi­ckelt, wer er ist – und dazu pas­sen­de Ver­hal­tens­wei­sen erwirbt –, hat ein Selbst­kon­zept. Das ist nor­mal und not­wen­dig. Es wird pro­ble­ma­tisch, wenn das Kon­zept star­rer wird als das Leben, das es beschrei­ben soll.

Das Ideal-Selbst

Das Ide­al-Selbst ist das Bild davon, wie man sein möch­te. Es moti­viert – kann aber auch zur Quel­le dau­er­haf­ter Ent­täu­schung wer­den, wenn die Lücke zwi­schen Ide­al und Wirk­lich­keit zu groß und zu unüber­brück­bar erscheint.

Das falsche Selbst

Ein fal­sches Selbst ent­steht, wenn jemand sein Ver­hal­ten aus­schließ­lich dar­auf aus­rich­tet, akzep­tiert oder geliebt zu wer­den – nicht dar­auf, was er wirk­lich fühlt oder braucht. Nach außen funk­tio­niert alles. Innen wird es immer leiser.

Das grandiose Selbst

Das gran­dio­se Selbst klam­mert aus, was nicht ins Bild passt. Feh­ler wer­den umge­deu­tet, Schwä­chen unsicht­bar gemacht. Was übrig bleibt, ist ein Selbst­bild, das sta­bil wirkt – aber brü­chig ist, weil es auf Aus­las­sung beruht.

Das wahre Selbst

Vom wah­ren Selbst kann man spre­chen, wenn jemand ein ein­heit­li­ches Selbst­kon­zept ent­wi­ckelt hat – eines, das auch wider­sprüch­li­che Antei­le ein­schließt. Stär­ke und Schwä­che. Mut und Angst. Wer das nach außen zei­gen kann, ver­läss­lich und über die Zeit, ist dem nahe, was Spi­no­za unter akti­vem Sein verstand.

Das fragmentierte Selbst

Das frag­men­tier­te Selbst ent­steht, wenn kein ein­heit­li­ches Selbst­kon­zept zur Ver­fü­gung steht. Bestimm­te Wahr­neh­mun­gen wer­den igno­riert oder ver­fälscht. Die Selbst­dar­stel­lung nach außen bleibt inkon­sis­tent – weil der inne­re Zusam­men­hang fehlt.

Kei­nes die­ser Selbst-Bil­der ist ein Urteil. Sie sind Beschrei­bun­gen von Pro­zes­sen – von Wegen, auf denen ein Mensch gelernt hat, mit sich und der Welt umzu­ge­hen. Und Pro­zes­se las­sen sich ver­än­dern, wenn man sie erst ein­mal sieht.

Wie das Selbst entsteht – durch den Blick der anderen

Das Selbst fällt nicht vom Him­mel. Es ent­steht in Bezie­hung. Das ist viel­leicht die wich­tigs­te Ein­sicht, die Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie und Phi­lo­so­phie teilen.

Der Psy­cho­lo­ge Arno Gruen beschreibt das Selbst als Aus­druck wah­rer Gefüh­le und Bedürf­nis­se – und betont, dass Auto­no­mie dafür die Vor­aus­set­zung ist. Nicht Unab­hän­gig­keit, son­dern die Mög­lich­keit, das, was man fühlt, frei zum Aus­druck brin­gen zu kön­nen. Die­se Auto­no­mie ent­steht früh – durch den Blick der Mut­ter, der rele­van­ten Bezugs­per­son. Ein Blick, der sagt: Ich sehe dich. Ich aner­ken­ne, was du bist.

Durch das Du der Mut­ter lernt das Kind, Ich selbst zu sagen.

Was die­ser Blick wider­spie­gelt, ist nicht neu­tral. Er trägt die Ach­tung oder Miss­ach­tung der eige­nen Eltern in sich – und gibt sie wei­ter. Wer früh gelernt hat, dass sei­ne Gefüh­le stö­ren, über­for­dert oder irrele­vant sind, ent­wi­ckelt ein Selbst, das die­se Gefüh­le ver­birgt. Das ist kein Ver­sa­gen des Kin­des. Das ist Anpas­sung an das, was mög­lich war.

„So dir im Auge wun­der­sam sah ich mich selbst entstehen.“

Fried­rich Hebbel

Was das für heute bedeutet

Spi­no­za wür­de sagen: Das Selbst ist kein Schick­sal. Es ist ein Pro­zess – und Pro­zes­se kön­nen sich ver­än­dern, wenn wir sie ver­ste­hen. Wer erkennt, wel­ches Selbst er ent­wi­ckelt hat und war­um, hat einen ers­ten Schritt getan.

Nicht um sich neu zu erfin­den. Son­dern um sich kla­rer zu sehen. Denn wer sich kennt – wirk­lich kennt, mit den wider­sprüch­li­chen Antei­len, den blin­den Fle­cken, den alten Mus­tern –, der wird von die­sen Din­gen weni­ger getrie­ben. Er trägt sie noch. Aber er weiß, was er trägt.

Das ist kei­ne klei­ne Sache. Das ist, was Spi­no­za Frei­heit nennt.

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