Die Scham des Herrn Ackermann
“Ich würde mich schämen, Staatsgeld anzunehmen.” Das sagt Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, vor 150 Managern im Zusammenhang mit dem Rettungsangebot des deutschen Staates für ins Trudeln geratene Banken.
Eine interessante Selbstaussage, die uns sofort zur psychologischen Analyse reizt. Denn Schamgefühle – das habe ich als erstes in meiner Gesatlttherapieausbildung gelernt – sind, neben Schuldgefühlen, die größten Widersacher der Menschheit. Sie quälen unsere Seele und zerstören unser Selbstbewußtsein.
Insofern könnte man also sagen: “Wie schön! Gott sei Dank ist unser oberster Banker nicht von fürchterlichen Schamgefühlen geplagt! Eine gesunde Psyche muß der Mann haben!” Aber irgendwie will sich dann doch solch ein Gefühl der Erleichterung oder gar Bewunderung nicht einstellen. Im Gegenteil: es ist Ärger, der sich breit macht, wenn man diese Äußerung liest.
Herrn Josef Ackermanns Schamgefühle sind ein Schlag ins Gesicht der deutschen Nation. Sie zeigen uns: dieser Mann – in seiner einmaligen Arroganz – scheißt – mit Verlaub – auf unser Geld. Er sagt uns Bürgerinnen und Bürgern: Eurer Steuergeld brauche ich nicht, da bin ich mir zu schade dazu!
Schauen wir doch einmal kurz und überlegen wir, was es normalerweise mit Scham auf sich hat. Scham ist deswegen so zersetzend für die menschliche Seele, weil sie uns unser Selbstwertgefühl abgräbt. Man wird meist von Außen “beschämt”, indem eine mehr oder weniger wichtige Bezugsperson eine Wertung über unser Verhalten – im weitesten Sinne – abgibt. Daher der berühmte Satz: “Du solltest dich was schämen!” Dem zu widerstehen und darauf nicht hereinzufallen ist also eigentlich etwas sehr Gesundes. Man hat sich gegen ein unterdrückerisches Gebot zur Wehr gesetzt und seine Eigenständigkeit bewahrt. Bekannt ist in der Kindererziehung z.B. das Verbot des “sich zeigens”, also etwa den eigenen Körper mit all seinen Vorzügen oder auch das Zeigen von Fähigkeiten und Kompetenzen in der Öffentlichkeit.
Was meint aber nun Herr Ackermann, wenn er uns mitteilt, dass er sich eben GERADE schämen würde. Welches Gebot macht ihm offensichtlich so viel aus, dass er sich geradezu euphorisch zu seiner Scham bekennt – obwohl wir doch gerade festgestellt haben, dass es eigentlich erstrebenswert ist, FREI von Scham zu sein?!
Das Gebot von Herrn Ackermann lautet: “Du sollst autark und unabhängig sein in all deinen Handlungen!” Er und seine Bank sollen niemals abhängig werden von irgendeiner Unterstützung von Außen. Falls dies doch der Fall sein sollte, dann schreit es aus aller Munde: “Du solltest dich was schämen, Josef!” Und Josef nimmt dies demütig an. Ja, ich schäme mich, dass ich auf die Alimente des Staates angewiesen bin.
Der hier also psychologisch hochinteressante Schachzug besteht gerade darin, die Scham scheinbar anzuerkennen als handlungsanweisendes Gesetz. Die Sache ist plötzlich auf den Kopf gestellt. Nicht die Überwindung der Scham wird angestrebt, sondern die Unterwerfung unter ihre Befehlsgewalt. Das ist hochmoralisch! Herr Ackermann kommt uns also moralisch daher, indem er sich zunächst unter ein moralisches Gesetz stellt, das da lautet. “Du sollst unabhägig bleiben!”
Jetzt, wo wir soweit fortgeschritten sind in unserer Analyse, wird die eigentliche Bedeutung der Aussage von Herrn Ackermann offenbar. Es handelt sich um eine narzißtische Selbstaussage. Der Narzißmus meint ja die Selbstliebe des Menschen, etwas zugespitzt formuliert seine Selbstverliebtheit. Innerlich ist ein über die Maßen narzißtischer Mensch immer mit dem Thema “Anerkennung” beschäftigt. Er hat große Angst vor Abwertungen und braucht ein ständiges Gefühl der Überlegenheit und Größe, um sich gut zu fühlen. Falls ihm dies abhanden kommt, empfindet er Kleinheitsgefühle und fühlt sich minderwertig. Wenn man einen Narzißten heilen will, dann muß man ihm zunächst dazu verhelfen, diese Furcht vor Abwertung zu spüren und seine Kleinheitsgefühle zuzulassen. Das bedeutet aber auch immer: seine SCHAM anzuerkennen, die er zutiefst innerlich spürt. Er muß diese Scham spüren, um sie dann überwinden zu können. Das ist wichtig. Nach Außen hin bedeutet dies auch, dass jemand in der Lage sein muß, seine Abhängigkeit anzuerkennen, in der er existenziell steckt: wir alle sind in irgendeiner Form abhängig voneinander, sei es in der Liebe, sei es in der gesundheitlichen Sorge – oder eben auch wirtschaftlich.
Genau dies leugnet Herr Ackermann. Nun sind wir zum Kern durchgedrungen. Er leugnet seine Abhängigkeit und die Abhängigkeit seiner Bank. Und er leugnet die Notwendigkeit, dies anzuerkennen als eine existenziell wichtige Grundlage des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Ein Paar, eine Gruppe, ein System, eine Familie oder ein Staat – alle können nur überleben, wenn sie dieses Prinzip der gegenseitigen Abhängigkeit vorbehaltlos anerkennen. Das heißt nicht, dass wir nicht auch unabhängig sein könnten! Im Gegenteil: indem man die Polarität von Bindung (so kann man Abhängigkeit auch positiver formulieren) und Freiheit oder Autonomie begreift, erkennt man eben die dialektische Beziehung, die beide Pole miteinander verbindet.
Herr Ackermann geht aber noch einen Schritt weiter – das ist am Anfang unserer Überlegungen das Verwirrende gewesen: er will sich ja geradezu schämen. Die Verleugnung der Scham funktioniert also darüber, dass man sie herbeizitiert! “Ich würde mich schämen, wenn …” Das ist trickreich und gefährlich zugleich. Und es ist ein beliebter Trick des narzißtischen Typs. Er sagt uns damit, dass er so unabhängig ist, dass er Schamgefühle nur als rein theoretisches Ereignis wahrnimmt, als etwas, was in Wirklichkeit niemals auf ihn zutreffen kann. So groß ist er also! Nun erkennen wir hier auch noch die Funktion, den Sinn dieser Äußerung. Sie soll den Höhenflug, die Unverletzlichkeit seines Erfinders zum Ausdruck bringen. Das Größengefühl also, das vorübergehend – hier durch die Finanzkrise – ins Wanken geraten war – muß gestützt und wiederhergestellt werden. Dazu dient diese Äußerung.
Im Grunde ist Herr Ackermann also eine Art moderner Ikarus. Er fliegt genußvoll in einsamen Höhen über deutsche Äcker und Städte. Er schaut mitleidig auf uns herab, um uns zu sagen: “Schämt euch was, Leute, wenn ihr abhängig seid!” Und so kommt er den Strahlen der Sonne immer näher. Das Ende dieser Geschichte ist bekannt.
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20. Oktober 2008 um 12:27 Uhr
Die von Ackermann beschleunigte Gierdebatte führt von Krisenursachen weg…
Marc Beise spürt in der Süddeutschen, dass die öffentliche Diskussion über die Finanzkrise in eine falsche Richtung läuft und nur nach einfachen Wahrheiten in der komplexen Krise gesucht wird. Zu diesen einfachen “Wahrheiten” gehört a…
20. Oktober 2008 um 12:34 Uhr
Sehr interessanter Beitrag zu der Reaktion von Herrn Ackermann. Ich habe in meinem Blog eher die wirtschaftliche Brille auf und kritisiere die Aussagen Ackermann aus anderen Gründen.
http://www.blicklog.com/2008/10/20/die-von-ackermann-beschleunigte-gierdebatte-fuhrt-von-krisenursachen-weg/
Gleichwohl werde ich einen Verweis auf diesen Beitrag aufnehmen, weil ich Betrachtungsweisen mag, die öffentliche Ereignisse oder Aussagen durch eine andere Brille betrachten.