Der Leviathan – Marx und Sinn

Der Leviathan - William BlakeAn Gott zu glauben war schon immer untrennbar mit der Frage verbunden: Warum gibt es das Böse auf der Welt. Eine Antwort finden wir in der so genannten Theodizee. Da wird z.B. auf die Tatsache verwiesen, dass wir ja das Gute als solches gar nicht identifizieren könnten, wenn wir sein Gegenteil nicht erfahren würden. Oder unsere Welt wird als ein Vorversuch des Schöpfers gesehen. Nun – dass es das Böse gibt, ist jedenfalls unbestritten. In der Bibel wurde es auch in der Gestalt eines Ungeheuers dargestellt, einem Drachen ähnlich, der unbezwingbar ist. Erst am Ende aller Zeiten wird Gott selbst seinen Widersacher töten; und die Juden glauben daran, dass dieser Leviathan in Gestalt eines gewöhnlichen Fisches aus dem Meer geangelt werden würde. Von wem, ist mir leider nicht bekannt.

Natürlich steht der Leviathan auch als Allegorie für den Satan oder den Teufel. Das Böse wurde ja schon immer ihm zugeschanzt, er ist also sozusagen der Sündenbock schlechthin. Der Teufel hat nun wiederum viel mit der Sünde zu tun. Und da plötzlich wird der Gegenwartsbezug gleich zwei Mal deutlich: unser aller Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, bezeichnet “wilde Spekulationen” als “Sünde”. Er bezieht sich natürlich auf das vergangene Verhalten von Managern und Bankern, die für den Niedergang des weltweiten Finanzsystems verantwortlich gemacht werden.  Er hat also den Leviathan offiziell für die Kirche wiederentdeckt und hinter den Mauern unserer Bankgebäude und Investitionshäuser ausgemacht.

Oder unser Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn. Der hat gerade die Kritik an den Bankmanagern mit der Judenhetze im Dritten Reich verglichen und gesagt, man solle unsere Geldhüter nicht zu Sündenböcken machen. Dass der eine “Marx” und der andere “Sinn” heißt, ist natürlich rein zufällig.

Nun steht zwar traditionellerweise der Leviathan als teuflisches Ungeheuer tatsächlich für eine der biblischen Todsünden; allerdings nicht für die Gier, sondern für den Neid. Das finde ich – psychologisch gesehen – eine interessante Sache. Denn es führt uns zu der Frage, was denn nun zuerst da war: die Gier oder der Neid? Offensichtlich hängt aber ja auch beides irgendwie miteinander zusammen. Die einen sind gierig auf die Kohle und spekulieren wie wild; die anderen sind neidisch auf die Ergebnisse in Gestalt von Luxuskarossen, Bahamas und süßem Nichtstun (auch übrigens eine der Todsünden).  Sollte also der Leviathan in jedem von uns stecken? Oder ist er gar mit der Menscheit selbst gleich zu setzen? Daran könnte man fast glauben, denn es geht auch die Sage um, dass Gott selbst das Ungeheuer für sich zum Spielen geschaffen hat. Warum er das getan hat? Nun – wahrscheinlich BEOBACHTET er uns und will herausfinden, zu was die Menschen so alles fähig sind.

Und dann wäre da noch Thoma Hobbes, der englische Staatstheoretiker und Philosoph, dessen Hauptwerk eben diesen Titel trägt: “Leviathan”. Für ihn steht das Ungeheuer für die Allmacht des Staates. Nun haben wir zum Schluß ein schönes Durcheinander. Denn andererseits wird klassischerweise der Leviathan auch gerne mit dem Finanzsystem in Verbindung gebracht. Das leuchtet uns noch ein, nach dem, was gerade an den Märkten passiert: ein sich aufbäumendes, alles verschlingendes Wesen, Feuer speiend und unbesiegbar. Aber wir haben doch jetzt den Staat zur Hilfe gerufen gegen dieses Ungeheuer! Wollen wir denn etwa den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

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