Olympia in China, Tibet und der selbstgerechte Westen
Gestern Abend habe ich einen ARD-Bericht über Peking im Fernsehen gesehen. Mich hat bewegt, mit welcher Begeisterung sich offenbar viele Chinesen auf die Olympiade vorbereitet haben: durch Englisch lernen, Benimmkurse, Bürgerinitiativen, Stadtsäuberung u.v.m. Vor allem eine authentische Identifizierung mit den Spielen und eine selbst gewählte Bejahung kamen überzeugend rüber. Ich hatte nicht den Eindruck, dass dies alles nur ein Ergebnis von Gehirnwäsche, Propaganda und Manipulation gewesen sein soll. Diese Begeisterung ist offensichtlich im Zuge der Störungen des Fackellaufes umgeschlagen in Empörung und Enttäuschung: eine Reaktion auf die anhaltende und deutliche Kritik an den Menschenrechtsbedingungen im Land und an der Tibet-Politik der Kommunistischen Partei Chinas.
Nun ist nicht daran zu deuteln, dass es diese Menschenrechtsverletzungen gibt; auch nicht daran, dass Tibet und seine Menschen unterdrückt und politisch verfolgt werden. Die Frage, die hier aufgeworfen wird, ist vielmehr eine nach der Verhältnismäßigkeit. China ist ein Volk mit über einer Milliarde Einwohnern mit einer über 5000-jährigen Kulturgeschichte. Seit Mao hat es unglaubliche Umwälzungen gegeben, die in einer Öffnung gen Westen und einem langsamen Übergang zu einem sozialistischen Kapitalismus gipfelten. Wer sich das heutige Peking anschaut, kann den Stolz der Chinesen auf ihre Errungenschaften und ihre Entwicklung der letzten Jahrzehnte nachvollziehen. Auch wenn es dabei viele Verlierer in der Bevölkerung gegeben hat, so muss die Frage gestellt werden dürfen, ob nicht die Anzahl der Gewinner weitaus höher eingestuft werden kann.
Die Berichterstattung zu China ist für mich unerträglich. Ein moralischer Zeigefinger folgt auf den nächsten; jede Fernsehsendung hat mindestens einen „Dissidenten“ im Programm; alles trieft vor Entrüstung und guten Rat-Schlägen. All das wird zwar auch wieder relativiert – aber für einen Chinesen bleibt doch hängen, dass wir als Menschen aus dem Westen uns für etwas Besseres halten, für zivilisierter und fortentwickelter.
Sind wir das?
Nun – darüber mag man streiten. Unsere afrikanische Entwicklungspolitik als demokratisch zu bezeichnen, ist sicherlich eine gewagte These. Am Balkan haben noch vor kurzer Zeit Progrome gewütet. In Italien lässt ein Ministerpräsident für seine eigene Strafbefreiung Gesetze ändern. Und ist das System des Dalai Lamas in Tibet vor der Besatzung durch die Chinesen etwa ein demokratisches gewesen? Diese Auflistung ließe sich beliebig verlängern.
Was kann man unter psychologischen Gesichtspunkten zu dieser arroganten, selbstgerechten Haltung des Westens gegenüber China sagen?
Ich glaube, dass wir eine Antwort in drei Dingen finden können: zum ersten in einem unbewusst stark ausgeprägten Neidgefühl, dass viele Europäer auszeichnet, besonders die Deutschen. China wird uns bald als Weltmarktführer in den Exporten ablösen. Zum zweiten in einer Art „sado-masochistischer Projektion“ – womit ich sagen will, dass die Selbstquälerei (= masochistische Tendenz) der Deutschen wegen ihrer eigenen diktatorischen und menschenverachtenden Vergangenheit nun beiseite geschoben werden kann durch das Auftreten eines anderen Landes, das man strafen und zurechtweisen kann (= sadistische Tendenz). Und zum dritten in einer billigen, narzisstischen Selbsterhöhung, die versucht auf Kosten anderer den eigenen Wert vor dem Hintergrund eigentlicher Minderwertigkeitsgefühle heraufzusetzen. Ähnliches gilt natürlich für andere Länder auch, v.a. die Amerikaner, die von ihrem Unrecht im Irak ablenken können.
Man kann die Chinesen zu Recht kritisieren. Man kann sich aber auch selbst an der eigenen Nase fassen (was im Übrigen nicht nur für die Deutschen, sondern für alle selbsternannten Gerechtigkeitsfanatiker gilt) – und dann einmal überlegen, ob nicht MANIEREN und HÖFLICHKEIT als olympische Disziplinen eingeführt werden sollten.
Aktuelles P.S. zur Eröffnungsfeier, Zitate der Kommentatorin: “Die Chinesen haben wohl den Kontakt zwischen Mensch und Natur in den letzten Jahrzehnten verloren.” “Unter den Tanzenden auch einige aus den Volksgruppen der Tibeter und Uiguren, von denen wir wissen, dass ihnen sicher nicht nach tanzen zumute ist.”
Wer der ARD selbst eine Rückmeldung geben möchte zum Programm, hier die Tel.Nr. in München: 089 / 59003344.
Schlagworte: China, Menschenrechtsverletzungen, Narzißmus, Projektion, Tibet, Toleranz


