Der psychologische Gedanke III: Spaltung in der Gesellschaft
Seit der neuesten Umfrage zur Situation am deutschen Arbeitsmarkt taucht wieder vermehrt der Begriff der “Spaltung” in den Medien auf. Hintergrund ist die Entwicklung bei den Reallöhnen: das Realeinkommen des am wenigsten verdienenden Bevölkerungsviertels ist zwischen 1995 und 2006 um ungefähr 14 Prozent gesunken, während sog. “Besserverdienende” im gleichen Zeitraum ein reales Plus bei ihren Löhnen von 3,5 Prozent verbuchen konnten. Die Reallohnverluste reichen dabei bis hinein in die mittleren Einkommensgruppen. Dieses Phänomen nun würde zu einer zunehmenden Spaltung in unserer Gesellschaft führen.
Ich möchte gerne in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass der Begriff der “Spaltung” auch ein psychologischer ist. Damit möchte ich nicht auf die sog. “Persönlichkeitsspaltung” anspielen, die vielleicht noch am ehesten in der Allgemeinheit als bekannt vorauszusetzen ist. Vielmehr wird der Spaltungsbegriff in der Psychologie auch verwendet, um bestimmte Vorgänge zu beschreiben, wie sie bei einem Menschen vorkommen, der ein “narzißtisches Problem” hat, bzw. der unter einer “narzißtischen Persönlichkeitsstörung” leidet. Kurz: Spaltung ist ein Teil des Narzißmus, besser gesagt ein Teil des narzißtischen Prozesses. Damit will ich sagen, dass “Narzißmus” nicht etwas Statisches ist, sondern ein Prozeß in Bewegung, der sich entwickelt und der vor allem Probleme im zwischenmenschlichen Bereich beschreibt.
Ein Mensch mit einem narzißtischen Problem leidet in erster Linie darunter, dass er sich nicht anerkannt fühlt und sich auch selbst innerlich nicht anerkennen kann. Er hat extrem große Angst vor Abwertung bzw. Entwertung durch andere und muß diese Angst ständig kontrollieren, oder wie die Psychologen sagen: abwehren. Dazu benutzt er unbewußt den Mechanismus der Spaltung: er versucht, sich großartig und toll, erfolgreich und bewundernswert zu fühlen und stellt sich vielleicht auch sogar nach Außen hin so dar. Solange das gut geht, wird man ihm nichts anmerken, außer vielleicht den unangenhemen Größenwahn oder die Selbstdarstellung. Dahinter lauert aber die Angst vor Kleinheit und Versagen – und die vor der dann folgenden Entwertung. Diese Angst muß er abspalten, da er ja sonst sein Größenbild nicht aufrecht erhalten könnte. Wenn er sich bedroht fühlt, wird er grausam sein und andere seinerseits abwerten, um von den eigenen Kleinheitsgefühlen abzulenken.
Soweit die Situation eines “klassischen Narzißten”. Was hat das jetzt mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation zu tun? Nun – auch hier haben wir es mit einem Spaltungsprozeß zu tun: die “Armen” werden von den “Reichen” getrennt. Es werden zwei Lager geschaffen, die nichts mehr miteinander zu tun haben. Es entsteht Angst, die abgewehrt werden muß. Und es gibt keinen Kontakt zwischen den Lagern. Das, was beide Ebenen – die individuelle und die politische – gemeinsam haben, ist die “Entweder-Oder-Situation”: Entweder man gehört zu den “Gewinnern” (beim Narzißten der unbedingte Erfolg) – oder man gehört zu den Verlierern (beim Narzißten das Versagen, die Niederlage). Dazwischen gibt es nichts. Und es gibt auch keine Kommunikation zwischen den beiden – verfeindeten -Seiten.
Der Heilungsprozeß für einen Narzißten ist langwierig und mühsam. Aber möglich. Der Narzißt muß lernen, beide Seiten wahrzunehmen – seinen Größenwahn und seine Angst vor Kleinheit – und er muß lernen, seine Angst zu akzeptieren, d.h. seine Scham anerkennen. Er muß zudem das Bedürfnis wahrnehmen und anerkennen, abhängig zu sein und andere zu brauchen. Und er muß lernen, daß er auch in der Mittelmäßigkeit leben kann und dass auch die Mittelmäßigkeit lebenswert ist (“Auch als graue Maus läßt sich leben.”) Das wichtigste jedoch ist der Kontakt zwischen seinen beiden (Spaltungs-)Hälften. Zu diesem Kontakt verhilft ihm der Therapeut.
Der “Therapeut” wiederum für unser Land ist die Regierung, sind die Politiker. Sie müssen dafür sorgen, dass wir von dem “Entweder-Oder” wegkommen und zu einem “Sowohl-Als auch” finden: es geht darum, sowohl Eigenverantwortung zu übernehmen, als auch Mindestlöhne einzuführen; sowohl Forderungen an den Einzelnen zu stellen, als auch seine Rechte ernst zu nehmen; sowohl kapitalistisch zu denken, als auch sozial zu handeln; sowohl dem Unternehmer Freiraum zu gewähren, als auch den Arbeitnehmer vor Ausbeutung zu schützen. Und dafür ist es notwendig, dass beide Seiten Kontakt miteinander aufnehmen, z.B. so, wie das in Holland schon vor Jahren geschehen ist. Dann kann man sich auch vom narzißtischen “Entweder-Oder” befreien und zu einem Miteinander, einem “Sowohl-Als auch” finden.
Schlagworte: Arbeitsmarkt, Arbeitsmarktsituation, Geringverdiener, Narzißmus, Reallöhne, Spaltung


