Der psychologische Gedanke II: Revolte und Gesundheit
Gegenwärtig findet eine Auseinandersetzung mit den 70er Jahren statt, zu sehen u.a. in einer Sendefolge auf ARTE-Fernsehen. Die 70er Jahre stehen für Jugendrevolte, Studentenprotest, dann Baader-Meinhoff, dem nun beginnendem und später kläglich scheiterndem Terrorismus. Danach kamen Punk und andere Formen des Protests mit „Tod dem Spießer!“. Die Flower-Power-Bewegung der Hippies ging anfangs auf Reisen – im doppelten Sinne nach Außen (Ibiza, Afghanistan, später Goa) und nach Innen (Marihuana und Peyotl, später LSD).
Könnte man sagen, dass es etwas Gemeinsames in all diesen Bewegungen gegeben hat? Natürlich ist es einfach zu konstatieren, dass alle die „Gesellschaft verändern“ wollten. Aber das ist doch eine recht oberflächliche Aussage. Ich glaube doch, dass das Hauptmotiv in erster Linie nicht unbedingt ein politisches, sondern ein jeweils persönliches gewesen ist: der Frust zu Hause bei den Eltern oder in der Schule, der Hass auf den Chef am Arbeitsplatz (Ton, Steine, Scherben!) – aber vor allem: das Bewusstsein, dass „mehr drin“ sein könnte, mehr LEBEN. Alle Beteiligten, ob Hippie oder Terrorist vereinte der Wunsch nach mehr Lebendigkeit und Lebensfreude – auch wenn der letztere dazu vorher die ganze Gesellschaft umkrempeln wollte. Insofern könnte man auch sagen: nach mehr „Gesundheit“. Denn ohne Zweifel ist die Gesundheit eines Menschen in erster Linie abhängig von seinen Umgebungsbedingungen und seiner Lebensweise. Und die Umgebungsbedingungen waren krank-machend.
Man versuchte also, sich von krankmachenden Verhältnissen zu befreien – um mit diesem Versuch auf allen (Kriegs-)Schauplätzen zu scheitern. Woran lag das eigentlich? Nun – ich denke, dass die Lebendigkeit selbst Schuld daran war. Lebensfreude und Lebendigkeit – wozu auch ein freies Sexualverhalten gehört – sind nun einmal mindestens „so gefährlich wie Dynamit“. Sie lassen herkömmliche Verhältnisse erodieren, sie provozieren und sie unterwandern. Dieser jedem Menschen innewohnenden Möglichkeit zur Selbstbefreiung hat der moderne Kapitalismus und heute eine erdumfassende Globalisierung ein vernichtendes Ende bereitet, indem er die einzelnen Zutaten (Protest, Flucht, Widerstand, aber auch Sexualität und Erotik) vereinnahmt und gleichsam „umgeschrieben“ hat. Mit letzterem meine ich, dass es natürlich noch Formen des Widerstandes und Protestes gibt- aber sie haben ein bleiernes und geradezu depressives Bild angenommen – man denke nur an die Auftritte der Linkspartei oder die der Attac-Aktivisten. An die Stelle von Rausch und Begeisterung sind ideologischer Muff und Dogmatismus getreten.
Ich bin mir bewusst, mit dieser Sichtweise in die Ecke des rückwärtsgewandten „Früher-war-alles-besser“-Betrachters zu rücken. Aber es geht nicht darum, dass früher alles besser war, was ja auch gar nicht den Tatsachen entspricht. Es war auch damals nur eine kleine Gruppe, die sich von den gesellschaftlichen Zwängen versuchte zu befreien. Die Mehrheit ist immer auf der Seite des Spießertums geblieben.
Vielmehr geht es darum zu begreifen, was heutzutage an Veränderungswillen vorhanden oder nicht vorhanden ist – um das noch stets aktuelle Ziel eines „Gesunden Menschen“ zu erreichen. Nicht zuletzt ist dies schließlich auch das Ziel jeder Psychotherapie. In der Realität sind wir aber heute mehr denn je von diesem Ideal entfernt. Erkrankungen, wie „Reizmagen“ oder „Reizdarm“ erfassen heute schon fast die Hälfte der Bevölkerung und werden auch von den Ärzten als „seelisch bedingt“ (funktionell) bezeichnet. Depressionen sind schon an erster Stelle der Erkrankungen, die zu frühzeitiger Berentung führen. Kurz gesagt: die Menschen werden immer kränker, und dies zeigt sich vor allem im psychischen Bereich.
Warum im psychischen Bereich? Nun – weil dies der Bereich ist, der direkt die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt widerspiegelt. Körperliche Erkrankungen kann man heutzutage sehr viel besser in den Griff bekommen, als früher. Aber seelisches Leid lässt sich nicht so einfach abstellen. Es ist eben immer auch ein Ausdruck einer gesellschaftlichen Situation. Die Reaktion der Gesellschaft allerdings auf diese Entwicklung ist wiederum rein „kapitalistisch“ geprägt. Es geht keinesfalls darum, den Symptomen auf den Grund zu gehen und gesellschaftliche Bedingungen zu analysieren. Es geht darum, auch aus diesem seelischen Leid einen Profit zu schlagen. Dies genau ist die gegenwärtige Entwicklung in unserem Gesundheitswesen. Psychische Probleme werden zwar wahrgenommen, aber in der Behandlung insofern ignoriert, als immer mehr biologische Sichtweisen auf den Menschen en vogue sind. Die Heilung wird in der Genetik und der Pharmakologie gesucht – nicht etwa in der Beziehung der Menschen untereinander. Dazu passt auch, dass eine schleichende Monopolisierung des Gesundheitswesens in Form von Privatisierung und Zentralisierung stattfindet. Der bayerische Allgemeinmediziner Jan Erik Döllein hat dies wunderbar umfassend in einem Internetbeitrag beschrieben.
Wie kann man dieser – zugegeben – etwas düsteren Realitätsbeschreibung etwas Positives entgegensetzen? Nun – Einsicht ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Und die Schlussfolgerung aus obiger Analyse kann nur lauten: die eigene Lebendigkeit und Lebensfreude muss wieder zum Barometer für das eigene Handeln werden – unabhängig von den Heilsversprechen der Gesellschaft, die uns einreden will, dass dieses Heil im „lebenslangen Lernen“, in „konstanter Leistungsbereitschaft“, in dem „Wert der Arbeit“, im „ungebrochenen Leistungswillen“ oder im „durchtrainierten Körper“, im „ungebremsten Spaß“, im „Superstar / Supermodel“ oder im Konsum liegen soll. Wirkliche Gesundheit ist mit diesen Inhalten nicht zu gewinnen – sondern nur mit erfüllten und lebendigen Beziehungen der Menschen untereinander. Dafür sollten wir dann auch in erster Linie unsere Gesundheitskassenbeiträge entrichten.
Schlagworte: 70er Jahre, Gesundheit, Gesundheitswesen, Globalisierung, Kapitalismuskritik, Lebensfreude, Protestbewegung



30. August 2008 um 08:30 Uhr
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